Fälschungsdiskussion um russische Avantgarde: MSK Gent in Defensive

Gent/Wien (APA) - Zwei Wochen nach Publikation eines offenen Briefes, in dem im Museum voor Schone Kunsten (MSK) im belgischen Gent ausgeste...

Gent/Wien (APA) - Zwei Wochen nach Publikation eines offenen Briefes, in dem im Museum voor Schone Kunsten (MSK) im belgischen Gent ausgestellte Werke der russischen Avantgarde als fragwürdig bezeichnet wurden, hat das Museum die Exponate zu „Forschungszwecken“ abgehängt. MSK-Direktorin Catherine de Zegher hatte noch kurz zuvor gegenüber der APA betont, von der Echtheit der Werke überzeugt zu sein.

Filonow, Kandinsky, Lissitzky, Malewitsch, Popowa, Rodtschenko und Ko. Die ganz großen Namen der russischen Avantgarde sollten seit Oktober 2017 als krönender Abschluss jener Dauerausstellung dienen, in der das MSK Gent seine herausragende Sammlung flämischer Kunst präsentiert und derzeit zudem auch die laufenden Renovierungsarbeiten des weltberühmten Genter Altars von Jan van Eyck beobachten lässt.

Diese Avantgarde-Werke, die allesamt aus den Beständen der russisch-belgischen Kunstsammler Igor und Olga Toporowski stammen, warfen in der Fachwelt jedoch Fragen auf. „Sie haben keine Ausstellungsgeschichte, sie wurden nie in seriösen wissenschaftlichen Publikationen erwähnt und es ist unmöglich, die Geschichte ihrer Ankäufe nachzuvollziehen“, heißt es in einem offenen Brief, der in der englischen und russischen Ausgabe der Branchenzeitung „The Art Newspaper“ veröffentlicht wurde. Die elf Unterzeichner, darunter die Kunsthistoriker Konstantin Akinsha, Vivian Barnett und Aleksandra Schatskich sowie die Kunsthändler James Butterwick und Ingrid Hutton, legten dem Museum gleichzeitig nahe, die Arbeiten einstweilen abzuhängen, um nicht zu riskieren, den Besucher womöglich irrezuführen.

Das MSK Gent und die lokale Kulturpolitik reagierten mit etwas Verzögerung zunächst mit der Ankündigung, eine Expertenkommission einsetzen zu wollen. Die Kunstwerke selbst wurden zunächst jedoch nicht entfernt, sie durften von Besuchern nun aber nicht mehr ohne Erlaubnis Toporowskis fotografiert werden. „Ich denke, dass ich genug Information hatte, um mir sicher (über die Echtheit der Werke, Anm.) zu sein“, erklärte die Russland-affine Direktorin des MSK, Catherine de Zegher, gegenüber der APA. Man wolle eine wissenschaftliche Debatte, und die Spekulationen müssten aufhören, sagte sie.

Der in der russischen Sammlerszene zuvor fast völlig unbekannte Toporowski ortete indes in einem Interview mit der russischen Tageszeitung „Moskowski Komsomolez“ ökonomische Motive hinter dem Offenen Brief. Kunsthändler hätten keine Freude, wenn neue Werke auftauchten und dadurch überhöhte Marktpreise in Gefahr brächten, russische Museen könnten dadurch weniger ins Ausland verleihen und verlören Einnahmequellen, konstatierte er.

Gleichzeitig zeigte sich Toporowski völlig sicher, dass es sich bei seinen Exponaten allesamt um Originale handelt. „Wie könnte ich etwas anderes denken?“, erwiderte er auf APA-Nachfrage und kündigte an, die russische Ausgabe von „The Art Newspaper“ wegen Verleumdung in Belgien verklagen zu wollen. Die Zeitung, die der russischen Kunstsammlerin Inna Baschenowa gehört, hatte zeitgleich mit der Veröffentlichung des Offenen Briefs Erklärungen Toporowskis zur Provenienz seiner Exponate zerpflückt. Die Kunstzeitung hat aber auch berichtet, dass der Kunstsammler im Rahmen eines Strafverfahren zu einem russischen Kunstfälscherskandal als Zeuge einvernommen worden sei.

Kurz nachdem am Wochenende die englische Ausgabe von „The Art Newspaper“ über weitere Unstimmigkeiten berichtete, ließ das Museum voor Schone Kunsten am Montag nun jedoch alle Exponate Toporowskis schließlich zu „Forschungszwecken“ ins Depot befördern. Bedarf an Recherchen gibt es genug: Manche Datierungen der Arbeiten können nicht stimmen. In einem Ljubow Popowa zugeschrieben und mit 1914 datierten Gemälde, so APA-Recherchen, findet sich etwa ein Ausschnitt aus einer Erzählung über den Ersten Weltkrieg in k.u.k. Galizien, die erst 1916 in einer russischen Literaturzeitschrift veröffentlicht wurde. Höchst ungewöhnlich sind etwa auch eine Kasimir Malewitsch zugeschriebene Kiste sowie ein Detail eines Spinnrads, die jeweils mit kanonischen Malewitsch-Sujets verziert sind und eher an Souvenirs erinnern.

Der ukrainisch-amerikanische Kunsthistoriker Konstantin Akinsha, der den Brief zur Sammlung Toporowski mitverfasst hat und der sich derzeit als Gast am Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in Wien aufhält, erachtet die Causa Gent für symptomatisch. „In der letzten Zeit haben wir es mit der traurigen Situation zu tun, dass fragwürdige Werke mit Bezug zur russischen Avantgarde zunehmend auch in Museen gezeigt werden“, klagte er im Gespräch mit der APA. Akinsha hat 2015 in Großbritannien das gemeinnützige „The Russian Avant-Garde Research Project“ mitbegründet, das Standards zur Authentifizierung von Werken der russischen Avantgarde entwickeln möchte und unter anderem vom russischen Kunstsammler und Oligarchen Pjotr Awen unterstützt wird.

Akinsha verwies gegenüber der APA auf weitere Werke, die diskutiert werden sollten. In der Ausstellung „Genosse. Jude.“ im Jüdischen Museum Wien hänge ein Bild, das El Lissitzky zugeschrieben werde, aber aufgrund seiner Farbwahl und der Signatur Fragen aufwerfe, sagte Akinsha. „Ich behaupte aber nicht, dass es sich bei diesem Lissitzky um ein Fälschung handelt. Ich spreche einfach davon, dass diese Arbeit Fragen aufwirft“, betonte der Kunsthistoriker.

Auf APA-Anfrage erklärte man im Jüdischen Museum, dass es sich bei „El Lissitzky: PROUN, Öl auf Leinwand, 1921-1923“ um eine Leihgabe handle, und verwies an den Leihgeber Wilhelm Otten weiter. Dieser wollte die Äußerung Akinshas nicht kommentieren.

Akinsha berichtete aber auch von anderen aktuellen Beispielen: In Venedig organisierte die russische V-A-C-Stiftung und das Art Institute of Chicago am Rande der Biennale 2017 eine Ausstellung, in der auch fragwürdige Exponate wie das den Architekten Wladimir Gelfreich und Lew Ilin zugeschriebene „Projekt eines Lenin-Denkmals in Leningrad“ (1925/29) gezeigt worden seien. Nach internen Protesten sei dieses Architekturmodell dann in der zweiten Fassung der Ausstellung in Chicago nicht mehr gezeigt worden.

Der in London lebende Kunstsammler und Kunsthändler Alex Lachman, der selbst für die V-A-C-Ausstellung Exponate aus seiner eigenen Sammlung zur Verfügung stellte, bestätigte gegenüber der APA Akinshas Angaben. Er bedauerte jedoch gleichzeitig, dass das „Projekt“ nichtsdestotrotz im Chicagoer Katalog abgedruckt worden sei, obwohl es in den USA selbst als Exponat nicht mehr präsentiert worden sei. V-A-C und das Art Institute of Chicago ließen Anfragen der APA jeweils unbeantwortet.


Kommentieren