Strapaziöse Bottle-Party für Fortgeschrittene

Flüssig-Boulevard mit beachtlichem Damenquartett: Uraufführung von Thomas Vinterbergs „Suff“ an den Kammerspielen der Josefstadt.

Saufende Seniorinnen: Elfriede Schüsseleder, Sona MacDonald und There­s Lohner (von links) in Thomas Vinterbergs „Suff“.
© APA

Wien – Das Begräbnis der Freundin im hochprozentigen Geiste verpassen sie wegen kapitalen Katers, die After-Friedhof-Party schmeißen sie dennoch: Die Rede ist von Hedwig (Sona MacDonal­d) und ihren Mitstreiterinnen, der kecken Irma (Elfriede Schüsseleder), der fragilen wie zähen Ex-Balletteuse Constance (Therese Lohner) und der unter dem Motte „Hart, aber herzlich“ agierenden Marion (Marianne Nentwich). Allesamt weißhaarige, wohlbestallte Witwen, die sich da zum fragwürdigen Alkohol-Abusus in Hedwigs verkehrter Welt einfinden.

Das Bühnenbild (Raimund Orfeo Voigt) steht auf dem Kopf und der elegante Deckenstuck ist gleichsam Sesselleiste, dazu illustriert ein gigantischer Flaschenhaufen Stücktitel wie Thema: Suff.

Aus der Feder des dänischen Filmemachers und Autors Thomas Vinterberg („Das Fest“, „Die Kommune“), Koauto­r ist Mogens Rukov, stammt dieses Boulevard-Stück zum fragwürdig-halblustigen Motiv der Selbstermächtigung im Kipp-Verfahren. In den Kammerspielen der Josefstadt hob Alexandra Liedtke, Ehefrau des entlassenen Burg-Direktors Matthias Hartmann, diese Uraufführung ziemlich bieder und ratlos aus der Taufe.

Sie setzt ganz auf die Strahlkraft der Schauspielerinnen, deren engagiertes Bemühen allein aber noch keinen guten Theaterabend ausmacht. Die Nöte der erzwungenen Teilzeit-Abstinenzlerin Hedwig, zwischen spießig-unglücklichem Sohn (Martin Niedermair) und beginnender Demenz, vermittelt Sona MacDonal­d äußerst berührend, weggewischt wird jegliche Tiefe von breit ausgewalzten Pointen um, ja, um saufende und gelegentlich etwas ausfällige Seniorinnen. Und wenn Hedwig am Silvesterabend – ihre Freundinnen feiern schon ausgelassen mit Hütchen und Flasche – erneut zum Glas greift, ist die (österreichische) Welt wieder in Ordnung. Sonderbar, jedoch viel Premierenapplaus. (lietz)

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