Oswald Wiener: “Wir waren damals Psychopathen

Der Sprachtheoretiker Oswald Wiener musste Österreich wegen der „Uni-Ferkelei“ Ende der 60er-Jahre verlassen. Später wurde er mit Literaturpreisen überhäuft. Das Porträt eines unermüdlichen Forschers.

© Michael Kristen

Von Gerlinde Tamerl

Innsbruck –Oswald Wiener sieht sich als Glückspilz. Mit einem schelmischen Lächeln im Gesicht erzählt er der TT, die ihn im Rahmen eines Vortrags im Literaturhaus am Inn traf, von einer Prophezeiung, die ihn vor einigen Jahren ereilte. In einem chinesischen Restaurant öffnete er ein Glückskeks, im Inneren lag ein Zettel, auf dem geschrieben stand: „You will never know hunger“ (Du wirst nie Hunger leiden). Diese erfreuliche Mitteilung klebte Oswald Wiener auf sein Notizheft, das sich heute im Nachlass der Österreichischen Nationalbibliothek befindet.

Seit einigen Jahren lebt der vielseitig gebildete Lebenskünstler zurückgezogen in Kapfenstein, einem kleinen Ort in der Südoststeiermark. In einem ehemaligen Rotweinheurigen arbeitet er seit Längerem an seiner Denkpsychologie. Er beschäftigt sich mit subjektiven Wahrnehmungsprozessen, zum Beispiel, ob man sich geometrische Formen in Gedanken vorstellen kann oder nicht. Während seines Vortrags scheinen einige Leute an seinen Aufgaben zu scheitern. Für Wiener kein Problem, ihm geht es nicht um eindeutige Ergebnisse, um richtig oder falsch, sondern um den Weg, den jemand zurücklegen muss, um überhaupt zu einem Ergebnis zu kommen, Scheitern inbegriffen.

Wiener überschreitet Schmerzgrenzen, wenn es darum geht, Erkenntnisprozesse voranzutreiben. Er ist sich sicher, dass nach ihm eine Forschergeneration kommen wird, die seine Denkpsychologie fortsetzen will. Er hat dafür sogar eine eigene Arbeitsgruppe gegründet. Die Ergebnisse wurden in einem Buch, das sich „Selbstbeobachtung“ nennt, im Suhrkamp Verlag veröffentlicht.

Nicht immer konnte sich Oswald Wiener so ungestört seiner Forschung widmen. Schon gar nicht 1968, am Höhepunkt der österreichischen Studentenbewegung. Wiener hielt am 7. Juni 1968 einen Vortrag über „Künstliche Intelligenz“ an der Universität Wien, während seine Freunde, darunter Günter Brus und Otto Mühl, in einer Aktion, die sich „Kunst und Revolution“ nannte, für Aufregung sorgten. Die Protagonisten des „Wiener Aktionismus“ brachen gleich mehrere Tabus: Sie sangen die österreichische Bundeshymne, während sie u. a. ihre Notdurft verrichteten und Exkremente auf ihren nackten Körpern verteilten. Diese Aktion ging unter dem Titel „Uni-Ferkelei“ in die Geschichte ein. Mit bösen Folgen für alle Beteiligten. Ein Geschworenengericht tagte über die Künstler. Brus ging für einige Monate ins Gefängnis und Wiener, dem, wie er heute sagt, „ungerechtfertigterweise“ ein Verfahren wegen Gotteslästerung drohte, floh nach sechswöchiger Haft ins Exil nach Berlin. Dort studierte er Mathematik und eröffnete ein Gasthaus mit dem Namen „Exil“, das es heute noch gibt.

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Man zuckt innerlich ein wenig zusammen, wenn Oswald Wiener über sich und seine Kollegen der so genannten „Wiener Gruppe“ sagt: „Wir waren damals Psychopathen.“ Denn ungewollt drängt sich der menschenessende Dr. Hannibal Lecter von „Das Schweigen der Lämmer“ auf. Dieser Vergleich dürfte Oswald Wiener jedoch gänzlich fernliegen. Wenn er „Psychopath“ sagt, dann geht es ihm vielmehr um die Herkunft des Wortes selbst. Als Sprachtheoretiker will er immer zur Kernbedeutung eines Begriffes vordringen. „Psycho“ beschreibt die „Seele“ und „Páthos“ das „Leiden“. Wenn mit Psychopath demnach „die leidende Seele“ gemeint ist, dann könnte seine Aussage auch dahingehend gedeutet werden, dass die Künstler der 68er-Generation mit ihren verstörenden Aktionen ihrem „psychischen Leiden“ Ausdruck verleihen wollten.

Wiener will die Vergangenheit nicht mit verklärtem Blick sehen. Er behält die Distanz zu sich selbst und auch zu seinem schriftstellerischen Werk. Das zeigt sich, wenn er von seinem 1969 erschienenen Frühwerk „die verbesserung von mitteleuropa, roman“ spricht. Darin findet man einen Dichter auf der Suche nach seiner Sprache. Heute sagt er über das Werk, dass es „maßlos übertrieben“ sei. Wiener gesteht sogar, dass er beim Schreiben dieses Textes beinahe verrückt geworden sei. In dieser eher beiläufigen Erwähnung scheint sich seine künstlerische Haltung zu begründen, wenn er bemerkt: „Man muss dort entlanggehen, wo es weh tut.“

Ab 1986 lebte Wiener 25 Jahre in Kanada. Vor Kurzem ist er nach Österreich zurückgekehrt. Wie ambivalent das Verhältnis zu seiner Heimat ist, zeigt sich daran, dass er zuerst fliehen musste, um 1989 wiederum mit dem Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur ausgezeichnet zu werden. Ein österreichisches Schicksal vielleicht.


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