Zwischen Pflicht und Ängsten

Flüchtlinge müssen aufgenommen werden, sagt ein Gros der Tiroler. Viele fürchten aber die Auswirkungen auf die Gesellschaft. Das Land ist zwiegespalten, zeigt eine Umfrage.

© Hackspiel

Von Benedikt Mair

Innsbruck –Es sei die spannende Aufgabe der Sozialforschung, eine öffentliche Meinung zurechtzurücken, sagt Christoph Hofinger. Der wissenschaftliche Direktor des Meinungsforschungsinstitutes SORA spricht dabei von einer Umfrage zu den Themen Migration und Integration, die im Auftrag des Landes Tirol durchgeführt wurde. Tatsächlich hat diese Überraschendes zu Tage gebracht. Entgegen der viel verbreiteten Auffassung, nach der viele Tiroler Flüchtlingen gegenüber grundsätzlich skeptisch eingestellt seien, zeigen die Ergebnisse: Nur zehn Prozent der Befragten haben ein überwiegend negatives Bild.

Die Mehrheit hat eine differenzierte Einstellung gegenüber dem Thema. „Die Menschen betrachten es immer aus zwei oder mehreren Perspektiven. Je nachdem, in welchem Kontext es angesprochen wird, fallen die Reaktionen eher positiv oder negativ aus. Einerseits gibt es den Wunsch zu helfen, andererseits aber auch jenen nach Sicherheit“, versucht Hofinger die 48 Prozent der Befragten zu beschreiben, welche es zwar als Pflicht sehen, Flüchtlinge aufzunehmen, die aber dennoch Angst vor den Auswirkungen auf die Gesellschaft haben. Die restlichen 42 Prozent sind der Migration gegenüber eher positiv eingestellt.

Nach dem Gefühl gegenüber Flüchtlingen gefragt, zeigt sich bei einer überwältigenden Mehrheit von 64 Prozent ein eher gemischtes, 24 Prozent gaben an, ein überwiegend positives Gefühl zu haben. Hierbei zeigt sich auch ein Phänomen, welches sich durch die ganze Umfrage durchzieht: Wer öfter mit Migranten zu tun hat – etwa mit ihnen in einer Nachbarschaft wohnt oder im Beruf oder in der Freizeit viel Kontakt mit ihnen hat –, hat für gewöhnlich eine wohlwollendere Meinung. Hofinger: „Je länger ein Land mit Migration konfrontiert ist, desto positiver das Bild davon.“

Der Integrationsmonitor kratzt aber nicht nur an der Oberfläche, sondern fragt auch konkretere Punkte ab. So glauben etwa 54 Prozent, dass sich Zuwanderung auf Tirol entweder gut auswirkt oder keine Auswirkungen hat. 39 Prozent sind der Meinung, dass sich Migration eher schlecht auf die Lage im Land auswirkt. „Überraschend war für mich, dass 48 Prozent glauben, es gebe einen negativen Effekt auf den Arbeitsmarkt. Und das, obwohl die Arbeitsmarktsituation in Tirol eine gute ist und eigentlich sehr viele Stellen frei wären“, sagt der SORA-Forscher.

TT-ePaper gratis lesen

Die Zeitung jederzeit digital abrufen, der Gratiszeitraum endet nach 4 Wochen automatisch.

TT ePaper

Großen Respekt haben die Befragten vor den ehrenamtlichen Helfern, die in der Flüchtlingsbetreuung tätig sind. Auch den Hilfsorganisationen, Gemeinden und der Tiroler Landesregierung wird zugestanden, in der Flüchtlingsfrage richtig reagiert und gute Arbeit geleistet zu haben. Für die Umfrage wurden zwischen Oktober und November vergangenen Jahres Telefoninterviews mit 701 Tirolerinnen und Tirolern ab 16 Jahren geführt.

Laut Hofinger haben besonders auch die stark polarisierenden Wahlkämpfe um den Nationalrat und das Bundespräsidentenamt dazu geführt, dass in der Öffentlichkeit nur die extremen Befürworter bzw. Gegner Beachtung gefunden hätten.

Dieser Unterschied zwischen subjektiver Wahrnehmung und Tatsachen habe sie auch dazu gebracht, den Integrationsmonitor in Auftrag zu geben, sagt Landesrätin Christine Baur. Sie habe das Bild bereinigen wollen, „auch weil einige Parteien nur allzu gern auf dieser Klaviatur der Angst spielen. Aber die Tiroler lassen sich nicht mit einfachen Antworten abfrühstücken. Das zeigen auch die Ergebnisse der Umfrage.“ Nun müsse man damit fortfahren, das Thema unaufgeregt zu diskutieren, und sich darauf besinnen, dass Tirol „ein sehr solidarisches Land ist. Und jeder muss verstehen, dass die Flüchtlinge uns nichts wegnehmen.“


Kommentieren


Schlagworte