Libanesischer Bürgermeister für Rückkehr von Flüchtlingen nach Syrien

Wien/Damaskus (APA) - Der libanesische Lokalpolitiker Charbel Mattar fordert die Bildung einer entmilitarisierten Zone in Syrien für Flüchtl...

Wien/Damaskus (APA) - Der libanesische Lokalpolitiker Charbel Mattar fordert die Bildung einer entmilitarisierten Zone in Syrien für Flüchtlinge aus dem Bürgerkriegsland. „Auf Dauer können wir mit der enormen Menge an Flüchtlingen im Libanon nicht umgehen“, sagte er anlässlich der NOW-Konferenz, die diese Woche in Wien stattfand, im APA-Interview.

Mattar, Bürgermeister der drei Ortschaften Doha, Naameh und Haret Naameh südlich der Hauptstadt Beirut, schlug vor, diese entmilitarisierten Gebiete von der internationalen Gemeinschaft militärisch und politisch zu schützen zu lassen. „Mindestens 50 Prozent des syrischen Staatsgebietes sind derzeit nicht umkämpft“, erklärte er. Die Tochter des Bürgermeisters, Sarah Mattar, die in der Gemeinde in mehreren Komitees arbeitet und den Vater zur Konferenz in Wien begleitete, fügte hinzu, dass man so auch die schrittweise Rückkehr der syrischen Flüchtlinge in ihr Heimatland vorbereite. „Die friedlichen Regionen müssen wieder aufgebaut werden“, sagte sie.

Im Libanon leben laut UNO-Angaben fast eine Million Flüchtlinge aus dem Nachbarland Syrien, wo seit rund sieben Jahren ein Bürgerkrieg tobt, dessen Ende nicht absehbar ist. Die Menge der Flüchtlinge stellen für den Libanon eine große Belastung dar, denn das Land hat selbst nur vier Millionen Einwohner und ein Staatsgebiet von rund 10.000 Quadratkilometern - eine etwas kleinere Fläche als die des Bundeslands Oberösterreich.

„In unserer Gemeinde leben rund 55.000 Libanesen und knapp 20.000 Flüchtlinge“, so der Bürgermeister. „Wir haben viele Integrationsprojekte, aber mittlerweile ist es klar, dass wir auf Dauer diese Menge an Flüchtlingen nicht in unserer Gemeinde behalten können“, fuhr er fort und bat um internationale Hilfe: „Die UNO muss die Kosten für die Infrastruktur, die von den Flüchtlingen genutzt wird, übernehmen - vor allem Strom und Wasser.“

Die junge Frau betonte, dass es wegen der geringen Größe des Libanon eine „enorme Überbevölkerung“ gebe, die schwerwiegende Folgen auf die Infrastruktur habe. Im ganzen Libanon gebe es eine Abfallkrise. Sie berichtete, dass die Mistplätze „völlig überlastet“ seien und keinen Abfall mehr annehmen könnten. „Der Abfall sammelt sich überall auf den Straßen. Mit der enormen Menge an Flüchtlingen hat sich der Abfallausstoß mehr als verdoppelt“, sagte sie.

Dies sei auch ein Grund für die schlechte Stimmung seitens der Bevölkerung gegenüber den Flüchtlingen, für die der Lokalpolitiker auch die Situation auf dem Arbeitsmarkt verantwortlich macht. Syrer, die eine Arbeitserlaubnis von der Regierung erhalten hätten, akzeptierten weniger Gehalt für ihre Arbeit als Libanesen, weswegen man sie bevorzugt einstelle - auch, um sie in die Gesellschaft zu integrieren. „Das schürt aber die Angst der Libanesen und fördert eine feindliche Stimmung in der Gesellschaft“, fügte Sarah Mattar hinzu.

Der Bürgermeister erklärte, dass er in seiner Gemeinde die Spannungen aufzulockern versuche: „Wir haben ein Integrations- und Bildungszentrum und haben versucht, vor allem die Kinder besser in unsere Gesellschaft zu integrieren“, sagte er. Es gebe bereits viele Gemeinsamkeiten, wie eine ähnliche Kultur und dieselbe Sprache.

Unter den Flüchtlingen gibt es laut Sarah Mattar große finanzielle Unterschiede, die die Integration beeinflussen. „Einige sind sehr wohlhabend und leben in Beirut. Andere, die noch immer die Mittel haben, leben in den Vorstädten“, erklärte sie. Diese Menschen integrierten sich schnell in die Gesellschaft. „In den Lagern leben hingegen die mittellosen Menschen, die keine andere Wahl haben und dort unter sich bleiben“, fügte sie hinzu. Dies erschwere die Integration. „Der Libanon hat aber nicht die Mittel, sie anders unterzubringen“, klagte sie.

(Das Interview führte Martin Auernheimer/APA)


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