Olympia: NADA-Chef Cepic zur APA: „Abschreckung unwahrscheinlich“

Pyeongchang (APA) - Fast jeder von Österreichs 105 Olympiateilnehmern in Südkorea ist vor den Winterspielen allein von der Nationalen Anti-D...

Pyeongchang (APA) - Fast jeder von Österreichs 105 Olympiateilnehmern in Südkorea ist vor den Winterspielen allein von der Nationalen Anti-Doping Agentur (NADA) mindestens dreimal getestet worden. Die APA - Austria Presse Agentur bat NADA-Geschäftsführer Michael Cepic zum Interview:

APA: Sind Österreichs Sportler vor den Winterspielen ausreichend getestet worden?

Cepic: „Ausreichend wird sich am Ende der Spiele zeigen. Wir haben im Rahmen unserer finanziellen Möglichkeiten alles gemacht. Unser Ziel war, dass jeder Teilnehmer in Pyeongchang Minimum dreimal getestet wurde. Das ist uns bei fast allen gelungen. Zeitraum war ab Mai, Juni 2017, wenn die Wintersportler wieder zum Trainieren angefangen haben. Die meisten haben in Verbindung mit den internationalen Fachverbänden, weil sie in aller Regel auch in den internationalen Testpools sind, wesentlich mehr Tests.“

APA: Inwieweit haben Sie auch Einblick in die Tests anderer Institutionen und bekommen Sie mit, wenn „Vorwarnsysteme“ anschlagen?

Cepic: „Nach wie vor ist das beste Vorwarnsystem der biologische Pass, wo man Unregelmäßigkeiten feststellen kann. Wir teilen uns mit den Internationalen Wintersportverbänden das Einsichtsrecht in den biologischen Pass. Das heißt, wir sehen die Werte unserer Kontrollen und wir sehen die Werte des Internationalen Verbandes. Mittlerweile ist das Steroid-Profil aus der Urin-Probe für jeden Athleten Standard. Blut ist immer noch individuell, dass ich bei einem Fechter oder Gewichtheber EPO-Werte feststelle, macht wahrscheinlich nicht wirklich viel Sinn, bei Ausdauersportlern schon.“

APA: Man hat das Gefühl vermittelt bekommen, dass so viel nachgetestet, getestet und kontrolliert wurde, wie schon lange nicht. Man hat gesehen, dass man auch nach Jahren noch abgestraft werden kann. Könnten es die saubersten Spiele seit langem werden?

Cepic: „Ich habe mal ein Seminar besucht, das auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhte: je länger der individuell erwartete Zeitraum ist, bis man für eine negative Aktion Verantwortung übernehmen muss oder die Konsequenzen zieht, desto geringer ist die Abschreckung. Das Geld kriegt er jetzt, die Sponsorverträge kriegt er jetzt, die Werbung macht er jetzt. Und wenn sie ihm in sieben oder acht Jahren da draufkommen, wenn er das alles nicht mehr hat ..... ich halte die Abschreckung für eher unwahrscheinlich. Der wirtschaftliche Anreiz ist einfach überdimensional.“

APA: 169 Russen wurde das Startrecht in Pyeongchang erteilt. Darf man davon ausgehen, dass alle Olympiaathleten so genau durchgecheckt wurden wie jene Russen?

Cepic: „Die Russen waren eine Ausnahmesituation, weil man die Vorgeschichte in Betracht ziehen musste. Und bei den Athleten, die jetzt in Pyeongchang starten, natürlich auch die Vergangenheit beleuchten musste. Es ist unbestritten, dass das Niveau definitiv nicht in allen Ländern, die den WADA-Code unterzeichnet haben, gleich ist. Wir haben ein kleineres Drittel, das durchaus auf dem Niveau, das in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland angewandt wird, arbeitet. Und dann haben wir halt einen sehr großen Anteil, wo das Niveau nicht so gegeben ist. Das betrifft hauptsächlich Länder, wo die finanzielle Situation mehr als angespannt ist, die nicht einmal eine ausreichende Gesundheitsversorgung haben. Ich glaube, dass da der Sport und das IOC gefordert wären, die finanziellen Mittel sind zur Genüge vorhanden.“

APA: Wie könnte eine mögliche Lösung aussehen?

Cepic: „Unsere Idee wäre ein Mentoring-System, dass die Top-NADAS jeweils eine andere NADA unterstützen. Es braucht transparente Kriterien, ob in Punkten oder wie auch immer geregelt. Wer sie nicht erfüllt, kann an internationalen Veranstaltungen nicht teilnehmen. Dem Sportler sind unterschiedliche Voraussetzungen nicht zumutbar. Es geht auch um so viel Geld, da muss ich sicherstellen, dass die selben Kriterien angewandt werden. Ich kann nicht den einen nur alle vier Jahre kontrollieren, wenn er bei Olympischen Spielen ist, und der andere kommt 10, 15 Mal im Jahr dran.“

APA: Wie steht die NADA zur Russland-Entscheidung?

Cepic: „Wir können das vertreten, dass das der richtige Weg ist. Das heißt Ausschluss einer mehr oder weniger staatlichen Institution wie dem Olympischen Komitee, und ein Festlegen von Kriterien, die sauberen russischen Sportlern die Möglichkeit gibt, unter neutraler Flagge an den Spielen teilzunehmen. Das wäre unser Vorschlag schon für Rio gewesen, da war die Zeit zu kurz, das hat man verpasst. Was ich mir gewünscht hätte, ist ein transparenter Kriterienkatalog. Was wir bisher erfahren haben, ist, es wurden die Datei aus dem russischen Anti-Doping-Labor, die der WADA zugespielt wurde, herangezogen, es wurden die Schmid- und Oswald-Kommission herangezogen, es wurden der biologische Pass herangezogen. Es wird darauf verwiesen, dass die Kommission, die das entschieden hat, seriös arbeitet, davon gehe ich aus. Aber es wäre wünschenswert gewesen und für das IOC sicherlich nicht nachteilig, wenn man da einfach transparent an die Öffentlichkeit gegangen wäre. Das ist das, was wir kritisieren, aber prinzipiell war der Weg ein guter.“

APA: Kürzlich fällte der Europäische Gerichtshofs für Menschenrechte das Urteil, dass das Whereabouts-System (ADS) nicht gegen die Menschenrechte der Sportler verstößt. Wie wichtig im Anti-Doping-Kampf war dies?

Cepic: „Das war eine ganz, ganz wichtige und aus unserer Sicht positive und richtige Entscheidung. Es wurde in der Urteilsbegründung festgelegt, dass es zwar eine Beeinträchtigung der Privatsphäre ist, weil es ein gewisser Aufwand ist, die Informationen aktuell zu halten, aber keine Einschränkung, weil ich immer noch hinfahren kann, wo ich will, ich muss es nur bekannt geben. Für mich an der Urteilsbegründung ist fast noch wichtiger, dass es heißt, dass Einschränkungen bei den Sportlern zumutbar sind, weil die Einschränkung des Individuums einen geringeren Wert hat als die Vorbildwirkung für den Breitensport und für die Jugend. Und dies das höhere rechtliche Gut ist und schützenswert. Das ist ganz wichtig.“

(Das Gespräch führte Birgit Egarter/APA)


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