„Der Konsul“ in Innsbruck: Mit entflammtem Herzen gegen Aktenberge

Innsbruck (APA) - Die in jüngerer Zeit selten zu hörende Oper „Der Konsul“ des italienischen Komponisten Gian Carlo Menotti hat Samstagabend...

Innsbruck (APA) - Die in jüngerer Zeit selten zu hörende Oper „Der Konsul“ des italienischen Komponisten Gian Carlo Menotti hat Samstagabend im Tiroler Landestheater Premiere gefeiert. Der Zeitpunkt der Aufführung war unschwer als bewusst gewählt zu erkennen, behandelt Menotti doch in seinem Werk vor allem das Thema Migration. Das Publikum belohnte das hochaktuelle Stück mit zum Teil frenetischem Applaus.

Gian Carlo Menotti setzte in seinem ersten abendfüllenden Werk, das 1950 zum ersten Mal aufgeführt wurde, nur einzelne semantische Codes, die es erlaubten sein Stück zeitlich zu verorten. Da wären etwa Hinweise auf Konzentrationslager oder auf den damaligen Auswanderungsstrom. Direkte Inspiration erhielt er aber durch eine Zeitungsnotiz im Jahr 1947, in dem er über den Suizid einer polnischen Emigrantin in einem Abschieberaum der Einwanderungsbehörde erfuhr. Wenig später komponierte er reichhaltige, komplexe Musik, die sich gekonnt zwischen Tradition und Avantgarde bewegte und schrieb ein anrührendes Libretto.

In Innsbruck legte man die musikalische Leitung in die Hände des gebürtigen Mainzers Uwe Sandner, der die vielen schillernden Nuancen des Stückes hervorragend zu Gehör brachte und die emotionale Tiefe der Oper mit musikalischer Klarheit vollends ausschöpfte. In Verbindung mit dem Bühnenbild von Agnes Hasun evozierte man überzeitliche Räume und Situationen, in die sich Zuhörer nur allzu leicht einfühlen konnten. Dadurch trafen einzelne Textpassagen umso mehr, beispielsweise wenn Magda Sorel, gut wenngleich nicht überwältigend gesungen von Susanna von der Burg, über Ertrunkene sinnierte, die kein Ufer mehr berge und die kein Heim mehr fänden.

So begegnete man im Verlauf der über zweistündigen Oper dem sich für die Freiheit einsetzenden John Sorel, der mitreißend von Alec Avedissian verkörpert wurde oder der gefühlskalten Sekretärin, großartig gesungen und gespielt von Jennifer Maines. Damit zeigten sich schon die zwei Welten des Stückes, die in „Der Konsul“ gegenübergestellt werden. Im Konsulat warteten zahlreiche Menschen, Tag für Tag, den Konsul bekamen sie nie zu Gesicht. Die menschlichen Tragödien prallten gegen Bürokratie und Aktenberge und fanden kein Gehör. Entflammte Herze trafen auf eine entmenschlichte und herzlose Bürokratie.

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Mit dieser Zuspitzung zeigte sich auch die Schwäche des Stückes, die mancher als seine Stärke auslegen mag. Durch die gewollte Zeitlosigkeit wirkte es oft zahnlos und erging sich in Plattitüden. Es war zweifellos in der Lage, zu berühren, transferierte man es aber vom damaligen Zeithorizont nach dem Weltenbrand der Shoah in die Gegenwart, hat es nur wenige Antworten parat. Vielmehr appellierte es sodann an die Mitmenschlichkeit, das große Herz und an eine fast schon naive Gefühlsseligkeit. Glücklicherweise konterkarierte die hochinteressante Musik diese einfache Auslegung immer wieder und stellte ebendieser avancierte Harmonik im Graubereich zwischen Neutönern und italienischer Klassik entgegen.

Das Publikum der nicht ausverkauften Premiere ließ sich nach der Vorstellung zu Jubelbekundungen, vor allem für die Hauptdarsteller hinreißen. Ob das an der beeindruckenden Musik und an den gesanglichen Leistungen lag, aus denen Anna Maria Dur als „Die Mutter“ besonders herausragte, oder an der zeitgemäßen und klar verständlichen Botschaft, blieb unklar. Evident ist, dass „Der Konsul“ einen kurzweiligen, musikalisch brillanten Abend bietet.

(S E R V I C E - „Der Konsul“ von Gian Carlo Menotti. Regie: Rene Zisterer, Musikalische Leitung: Uwe Sandner, Bühne: Agnes Hasun, Kostüme: Michael D. Zimmermann. Mit: Alec Avedissian (John Sorel), Susanna von der Burg (Magda Sorel), Anna Maria Dur (Die Mutter), Johannes Maria Wimmer (Agent der Geheimpolizei), Jennifer Maines (Die Sektretärin), Unnsteinn Árnason (Mr. Kofner), Felicitas Fuchs-Wittekindt (Die Italienerin), Judith Spiesser (Anna Gomez), Camilla Lehmeier (Vera Boronel), Dale Albright (Der Zauberer Nika Magadoff), Joachim Seipp (Assan), Statisterie des TLT. Nächste Vorstellungen am 18. und 25. Februar, 2. , 4., 8. und 9. März, 5., 7. und 25. April, 1. und 7. Juni. www.landestheater.at)


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