Clemens J. Setz: Antworten auf alles und alle Fragen offen

Wenn ein Interview nicht in Gang kommt: Mit „Bot“ legt Clemens J. Setz ein ernsthaft-verspieltes Selbstporträt als „Gespräch ohne Autor“ vor.

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Clemens J. Setz, Jahrgang 1982, wurde für seine Romane und Erzählungen vielfach ausgezeichnet. Zuletzt mit dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis
© imago stock&people

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Autoren-Interviews sind eine knifflige Disziplin. Für die Fragensteller genauso wie für die, von denen man sich, ob ihres berufsbedingten Wort- und Ideenreichtums, besonders feingedrechselte Antworten erwartet. Und allzu oft sind nach dem Gespräch beide Seiten unzufrieden, weil sich auch Profitexter nicht notgedrungen aufs launige Daherreden verstehen.

Zu dieser Erkenntnis kamen auch der völlig zu Recht vielgerühmte Grazer Erzähler Clemens J. Setz und seine Lektorin Angelika Klammer. Der Suhrkamp-Verlag bat um einen Gesprächsband. Aber das Gespräch wollte nicht in Gang kommen. Ganz wie in Setz’ wunderbar verqueren Romanen, „Die Frequenzen“ (2009) oder „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ (2015) zum Beispiel, wagten Autor und Autorenbefragerin deshalb die Flucht nach vorn. Sprich mitten hinein in einen beinahe uferlosen Text.

Schließlich führt Setz seit Jahren ein digitales Journal, das Arbeits-, Notiz- und Sudelbuch zugleich ist. Oder in Setz’ eigenen Worten: „So etwas wie eine ausgelagerte Seele.“ Dort, so der Plan, würden sich alle Antworten finden. Manchmal durch die Suchfunktion gängiger Textverarbeitungsprogramme. Oder eben durch zielloses Herumscrollen.

Weil ein solches Verfahren für die honorige Gattung des Schriftstellerporträts dann doch etwas profan daherkommt, liefert das Vorwort zudem ein kulturhistorisch-theoretisches Gerüst: Experimente mit künstlicher Intelligenz basieren auf vergleichbaren Versuchsanordnungen. Füttert man eine solche mit allen Texten des Science-­Fiction-Autors Philip K. Dick, generiert sie daraus die wahrscheinlichsten Antworten, die der 1982 verstorbene Dick heute nicht mehr geben kann. So funktioniert letztlich auch dieses „Gespräch ohne Autor“, das zum Gespräch mit dem Clemens-J.-Setz-Bot wird.

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Oder es funktioniert eben nicht. Jedenfalls nicht im landläufigen Sinn. Die Beziehung zwischen Fragen und vermeintlichen Antworten ist bestenfalls vage. Darin freilich liegt der große Reiz dieser Tagebuch-Collage: Das Ritual des Autorengesprächs wird genauso dekonstruiert – und trotzdem wird viel erzählt. Reiseeindrücke, knappe Prosa­skizzen, Gereimtes, Ge- und Erfundenes, Fotos: Die Zusammenstellung wirkt beliebig – und trotzdem lassen sich Motive, ja Erzählstränge erkennen. Bisweilen entsteht gar der Eindruck, dass „Bot“, allen Verschleierungsbemühungen zum Trotz, doch ein Roman sein könnte. Kein klassisch heruntergenudelter, versteht sich, sondern ein zwar ungemein ernsthafter, aber eben durch und durch verspielter Text-im-Text-im-Text-Text, irgendwo zwischen den Experimenten von Georges Perec und Vladimir Nabokovs „Fahles Feuer“.

Und informativ ist diese seltsame Reise durch Clemens J. Setz’ Gedanken-Universum auch, fraglos. Obwohl oder gerade weil letztlich alle Fragen offen bleiben, hat man nach der Lektüre einiges gelernt. Über einen der faszinierendsten österreichischen Gegenwartsschriftsteller, der vielleicht ein undankbarer Gesprächspartner sein mag, aber trotzdem viel zu sagen hat.

Prosa Clemens J. Setz: Bot. Gespräch­e ohne Autor. Suhrkamp, 166 Seiten, 20,60 Euro.


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