51 Jahre treu beim SPD-Aschermittwoch - und jetzt „so ein Chaos“

Vilshofen (APA/AFP) - Wer soll über den derzeitigen Zustand der SPD urteilen, wenn nicht Gerhard Piorek? 79 Jahre alt ist der Niederbayer, s...

Vilshofen (APA/AFP) - Wer soll über den derzeitigen Zustand der SPD urteilen, wenn nicht Gerhard Piorek? 79 Jahre alt ist der Niederbayer, seit 57 Jahren in der SPD und seit 51 Jahren ununterbrochen durch alle Höhen und Tiefen Gast beim politischen Aschermittwoch. In diesem Jahr mag er nur noch mit dem Kopf schütteln: „So ein Chaos habe ich noch nie mitgemacht in der SPD.“

Was der mit einem der Markenzeichen von Helmut Schmidt, der Prinz-Heinrich-Mütze, gekleidete Piorek sagt, denken viele beim politischen Aschermittwoch der Sozialdemokraten. „Amateurhaft, Chaos, peinlich“ - an den Biertischen im Festzelt sind die Meinungen vernichtend kritisch.

Entsprechend fällt der Applaus eher mau aus, als der kommissarische SPD-Chef Olaf Scholz mit der bayerischen Landeschefin Natascha Kohnen zu Blasmusik einzieht. Auf den Programmen steht Scholz noch als stellvertretender Bundesvorsitzender angekündigt, sein - vorübergehender - Aufstieg zum Parteichef als Nachfolger von Martin Schulz am Dienstagabend kam erst, als die Zettel schon gedruckt waren.

Ein Hanseat im tiefsten Niederbayern, Scholz nimmt es mit Humor und begrüßt die etwa 2000 Menschen im nicht ganz gefüllten Festzelt mit „Moin, Moin“. Die ersten Lacher und Sympathiepunkte gehören ihm damit. Auch SPD-Veteran Piorek kann mit dem als Bundesfinanzminister gehandelten Scholz viel anfangen. „Ich hoffe, dass mit ihm wieder Ruhe einkehrt.“

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Am eigentlich für deftige politische Reden bekannten Aschermittwoch trifft Scholz mit einer sachlichen Rede, in der er nur subtil ein paar Sticheleien unterbringt, für das Publikum den richtigen Ton. Die vergangenen Tage seien „nicht die beste Performance“ der SPD gewesen, sagt er selbstkritisch.

Aber der ausgehandelte Koalitionsvertrag sei „gut“ - für Scholz sind vor allem die Vereinbarungen zur Ganztagsbetreuung ein Erfolg. Auch die Zuteilung der Ministerien habe die SPD gut verhandelt. „Man muss sich nur die Diskussionen in der CDU anschauen um zu wissen, dass wir es wohl irgendwie richtig hinbekommen haben“, sagt er.

Scholz, der die als seine Nachfolgerin geplante Andrea Nahles mit keinem Wort erwähnt, bekommt warmen Applaus für seine Rede. Und er dürfte erleichtert sein, dass die Gegner einer neuen großen Koalition nicht den Moment des Führungschaos nutzen. Die Jusos haben gerade einmal zehn ihrer Anhänger ins Festzelt geschickt, diese machen auch nur ganz kurzzeitig etwas Lärm.

Aber ein Signal des Aufbruchs, als das Scholz die Kundgebung verkaufen will, ist dieser Aschermittwoch für die SPD sicher nicht. Eigentlich hätten die bayerischen Sozialdemokraten einen krachenden Auftakt in ihren Wahlkampf zur Landtagswahl geben wollen. In acht Monaten wird im Freistaat gewählt. Nach allen Umfragen wackelt die absolute Mehrheit der CSU, bei der im kommenden Monat Markus Söder das Amt des Ministerpräsidenten übernehmen soll.

Die Söder-Herausforderin Natascha Kohnen, die inzwischen auch stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende ist, fährt zwar ein paar direkte Angriffe auf ihren Kontrahenten. Söder habe jetzt versprochen, 2000 neue Wohnungen vom Staat bauen zu lassen, als Finanzminister habe er aber 33.000 staatliche Wohnungen verkauft und stehe tief im Saldo, ruft sie.

Kohnen bekommt artigen Applaus für ihre Rede, aber in manchen Phasen übertönen die Gespräche an den Biertischen fast ihren Auftritt. Ganz anders ist es bei der SPD-Landrätin Rita Röhrl, die mit dem emotionalsten Redeauftritt den für die SPD-Führung wenig schmeichelhaften Schlusspunkt setzt: „Ich überbringe nur die Bitte an die Berliner, hört‘s jetzt endlich mit den Spinnereien auf.“


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