Grausige Gespenster der Geschichte: Maxim Kantors Roman „Rotes Licht“

Wien (APA) - „Rotes Licht“ ist ein Roman, der einen umhaut. Auf 700 Seiten vermischt der russische Künstler und Autor Maxim Kantor den Zweit...

Wien (APA) - „Rotes Licht“ ist ein Roman, der einen umhaut. Auf 700 Seiten vermischt der russische Künstler und Autor Maxim Kantor den Zweiten Weltkrieg und die Krim-Annexion, Geschichtsphilosophie mit politischer Theorie. Es wird gelitten und gehungert, gekämpft und gemordet. Hitler, Stalin und Putin treten ebenso auf wie ein Untoter, der durch die Geschichte spukt und noch heute sein Unwesen treibt.

Maxim Kantor wurde 1957 in Moskau geboren. Als junger Mann erarbeitete er sich mit seiner 1983 gegründeten Gruppe „Krasny Dom“ („Rotes Haus“) den Ruf eines kritischen und unabhängigen Künstlers. Mit Glasnost und Perestrojka kam eine Liberalisierungswelle. 1997 vertrat er Russland auf der Biennale Venedig. Doch die Entwicklung, die sein Land nahm, führte zu einer nachhaltigen Entfremdung. „Rotes Licht“ kann als eine gewaltige Abrechnung gelesen werden mit Entwicklungen und Ereignissen, die nicht wahrgenommen und verdrängt wurden. Kantor erweckt die Gespenster der europäischen Geschichte zum Leben und lässt sie auf die Monster der russischen Gegenwart treffen. Das Resultat ist ein wahrer Hexensabbat.

Tatsächlich treffen wir in einem Moskauer Wohnhaus auf drei alte Frauen, Großmütter ungewisser Herkunft, die ihren literarischen Ursprung wohl in den drei Hexen von „Macbeth“ haben. Auch in den Wäldern rund um Moskau, wo die Offensive der Hitler-Truppen im eiskalten Winter von 1941/42 unter riesigen beidseitigen Verlusten zum Stehen kam, begegnet man Hexen, Wölfen und Menschenfressern. Vor allem aber stößt der Leser schon bald auf eine zwielichtige Gestalt, die kaum ihr literarisches Vorbild verleugnen kann und auf die schon Michail Bulgakow in „Der Meister und Margarita“ zurückgegriffen hat. Als Mephisto, der überall zugegen ist, wo sich was Übles zusammenbraut, hat Kantor eine historisch belegte Figur verwendet: Ernst „Putzi“ Hanfstaengel, einen intelligenten, charmanten, weltmännischen Deutsch-Amerikaner, der den jungen Adolf Hitler in den 1920er-Jahren in die Salons deutscher Industrieller und Großbürger einführte.

Der Albtraum beginnt in der Gegenwart, und schon der erste Satz umreißt den ganzen Anspruch, Familien- und Weltgeschichte zusammenzuführen. „Der Held dieses Buches, der Jude Solomon Richter, lag im Sterben, so wie Europa und die Demokratie.“ Der 90-jährige Historiker muss in einem Moskauer Krankenhaus miterleben, wie sehr die russische Propaganda über das angeblich notwendige Eingreifen in der Ukraine bei den einfachen Menschen wirkt. Richter fühlt sich frappant an jene Taktik und Rhetorik erinnert, mit der Hitler einst seinen Eroberungskrieg vorbereitete. „Siebzig Jahre sind vergangen, und alles ist wieder da.“

Jahrzehnte werden in diesem Roman übersprungen wie nichts, und ganz bewusst verwischt Kantor die Grenzen der Epochen, um die Vergleichbarkeit von Mechanismen und die Austauschbarkeit von Menschen zu verdeutlichen. Als Leser muss man höllisch aufpassen, um die Orientierung nicht zu verlieren. Das Personal ist ausufernd, und nicht immer ist völlig klar, ob man sich gerade unter Revolutionären von einst oder Dissidenten von heute, unter Militärs oder Politikern, Mächtigen oder in Ungnade Gefallenen befindet. Klar ist bloß eines: Geschicke können sich ebenso rasch wenden wie die Wahrheit, und als Konstante darf nur die Grausamkeit gelten, mit der in allen Zeiten um Führung und Herrschaft gekämpft wird.

Wenige Romane der vergangenen Jahre haben derart ausufernd und detailliert den Krieg und seine Auswirkungen geschildert, von den Kampfhandlungen auf den Schlachtfeldern bis zu den Leiden der Zivilbevölkerung. Dass dazwischen auch Platz für einen bösen Schelmenroman ist, bei dem ein Trupp Krimineller im Niemandsland zwischen den Fronten vor Moskau ordentlich Beute macht, oder der Philosoph Martin Heidegger und seine berühmt gewordene Schülerin Hannah Arendt in einer pikanten Episode parodiert werden, zeigt auch die stilistische Reichhaltigkeit dieses epochalen Zeitpanoramas, in dem immer wieder der rasante Lauf der Dinge gestoppt wird, um Grundlegendes zu klären.

Die Gegensätze und Zusammenhänge von Feudalismus und Imperialismus, Kapitalismus und Kommunismus, Totalitarismus und Nationalismus beleuchtet „Rotes Licht“ immer wieder aufs Neue - aus unterschiedlichen Perspektiven und zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Der Roman führt ins Innere des nationalsozialistischen Deutschland wie des stalinistischen Russland, ist mit Gulag-Insassen ebenso auf Tuchfühlung wie mit den Verschwörern des 20. Juli. Am Ende siegt nicht der Humanismus, sondern der Skeptizismus. Mit der heutigen liberalen Opposition Russlands rechnet der Roman genauso hart ab wie mit dem Apparat des ehemaligen KGB-Offiziers Wladimir Putin und dem von der Gier nach Profit und Machterhalt gespeisten Anstacheln des russischen Patriotismus.

Am Ende findet sich Hanfstaengel am Sterbebett Solomon Richters ein. Mephistopheles und Faust bestreiten einen finalen Diskurs über politische Ethik und den Lauf der Geschichte. „Und Sie, der Jude Solomon Richter, machen keine Anstrengungen, Ihren Kindern einen Schutz in Form von Macht zu hinterlassen?“ - „Nein“, sagte Richter. - „Was hinterlassen Sie ihnen dann?“ - „Ein reines Gewissen.“ Rotes Licht erleuchtet als Widerschein ferner Brände das Sterbezimmer. Auf ein Umschalten auf Grün wird man lange warten müssen.

(S E R V I C E - „Rotes Licht“ von Maxim Kantor, übersetzt von Juri Elperin, Sebastian Gutnik, Olga Korneev und Claudia Korneev, Zsolnay, 704 Seiten, Buchpräsentation: Montag, 19. Februar, 19 Uhr, Alte Schmiede, Wien 1, Schönlaterngasse 9. Maxim Kantor im Gespräch mit Cornelius Hell, Lesung: Markus Köhle; www.maximkantor.com)


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