Das Geschäft mit der Panik: Teure Kurse für Aufnahmeprüfungen

Langen Schule und Matura nicht mehr als Rüstzeug für Aufnahmeverfahren? – Egal, ob Polizei oder Medizin: Teure private Kursanbieter finden in Tirol einen Boden.

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© Andreas Rottensteiner / TT

Von LIane Pircher

Innsbruck –Wer sich für eines der Kursangebote auf einem Plakat, aufgehängt in der Uni, interessiert, braucht etwas Kleingeld: Zwar gibt es das kleine „Erfolgspaket ohne Grundlagenkurse“ um 695 Euro, vielversprechender klingt das „Complete“ inklusive Kursunterlagen. Dies kostet 1375 Euro. Am größten leuchtet aber ohnehin die Schlagzeile ganz oben: „Medizin Intensiv, blended learning ein Semester“ – das wäre um 2050 Euro zu haben.

Angebote, die auf das Auswahlverfahren der Med-Uni vorbereiten sollen. Anbieter sind private Lerninstitute. Ihrer Werbung begegnet man nicht nur auf Plakaten, geworben wird auch mittels Flyer vor der Uni oder Inseraten in diversen Printmedien oder auf Bildungsmessen wie der BeSt. Immer öfter, immer mehr.

Eine Entwicklung, die die Frage aufwirft: Langt die Matura nicht mehr, um reale Chancen auf einen Studienplatz der Medizin zu haben? – „Nein, diese Vermutung ist definitiv falsch. Man hat keine schlechteren Chancen, nur weil man keinen solchen Kurs besucht“, sagt Peter Loidl, Vizerektor für Lehre und Studienangelegenheiten an der Med-Uni Innsbruck. Befragungen von Medizinstudenten hätten ergeben, dass ein Großteil der Studenten ganz ohne Kurse die Aufnahme geschafft habe. Und auch sonst die Mehrzahl mit dem Testlauf in Echtzeit des Landesschulrates bzw. Infokursen von 50 bis maximal 100 Euro den Schritt ins Studium geschafft hätte.

Seitens der Med-Uni gebe es keine Infos an private Institute, was den Inhalt der Aufnahmeprüfung anbelangt. Diese würden ihr Wissen von so genannten Blindtestern – indem sie Leute zu Prüfungen schicken – beziehen. „Wir wissen von Veranstaltungen, dass die Kursanbieter nicht immer up to date sind, was die Prüfungsinhalte anbelangt“, so Loidl.

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Und: „Wir ändern den Inhalt jedes Jahr etwas ab, es gibt immer wieder neue kleine Mosaiksteine“, sagt Loidl. Fakt sei, dass etwa 40 Prozent des Tests aus naturwissenschaftlichem Wissen, das mit dem Maturawissen abgedeckt sei, bestehe. Der Rest habe viel mit kognitiven Fähigkeiten zu tun, die man nicht wirklich lernen könne. Zuletzt habe man auch einen Teil ergänzt, der sich auf empathische Fähigkeiten beziehe, so Loidl. Inhalte, die man so nicht in der Schule lernen könne. Unabhängig davon ist es möglich, sich viel Vorbereitungsmaterial über die Uni im Netz herunterzuladen. Infos, die in den letzten Wochen auch mittels so genannter Roadshows an die Maturaklassen im Land getragen worden sind: „In Zusammenarbeit mit dem Landesschulrat gehen wir bewusst an Schulen, um richtige Infos zum Testaufbau weiterzugeben“, sagt Loidl.

Ein Vorteil, den deutsche Bewerber so nicht hätten. Überhaupt erwarte man heuer wieder sechs bis acht Prozent Mehranmeldungen an der Med-Uni. Erneut werden mehr als 3000 junge Leute dann um 360 Plätze an der Human- und 40 an der Zahnmedizin buhlen. 75 Prozent der Plätze müssen an Österreicher gehen. Trotzdem: Angesichts dieser Zahlen wundert sich keiner, dass private Anbieter hier ein Geschäft mit dem Lernen riechen. Ein gutes. Eines, das mit der Angst, es nicht zu schaffen, spielt. Hier geht es ganz marktwirtschaftlich gedacht um Nachfrage und Angebot.

Ähnlich sehen es die Anbieter: „Wir recherchieren viel Material, stellen Fragen und Inhalte zusammen und bieten Experten an, die das dann mit den Kursteilnehmern gezielt trainieren“, erklärt ein Sprecher von IFS-Studentenkurse, einem der größten Anbieter. Kein Nachteil, trotzdem sieht die ÖH den Trend zu Kursen kritisch, „weil es da immer um soziale Ausgrenzung geht“, sagt Philipp Kindl, Medizin-Student und ÖH-Vorsitzender an der Med-Uni Innsbruck. Er selbst habe damals einen Wochenend-Kurs gemacht.

Trotz zweier Kurse nicht ins Medizin-Studium geschafft hatte es Johanna Beer, jetzt Jus-Studentin und ÖH-Sprecherin. Fakt sei, dass mittlerweile auch vor der Hauptuni mit Flyern für Kurse geworben wird. Neue Zielgruppe: Jus- und Psychologie-Studenten. Selbst für angehende Polizisten gibt es schon Werbung für Vorbereitungskurse für die Polizei-Aufnahme. Was deren Inhalte sind, weiß man bei der Polizeischule nicht. Ohne auf spezielle Kurse eingehen zu wollen, sagt Ernst Haunholter von der bildungspolitischen Abteilung der AK: „Insgesamt wird sehr viel mit der Unsicherheit Betroffener gespielt. Oftmals würde es langen, wenn man sich die Infos bei den zu prüfenden Stellen abholt.“ Das wäre in jedem Fall günstiger.


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