Jüdisches Leben in Innsbruck: „Es ist, Ernerl, sehr traurig“

Das Auftauchen der privaten Briefe der Familie Krieser wirft ein neues Licht auf das jüdische Leben in Innsbruck. Bella Levin spricht erstmals über ihre Familiengeschichte.

© Stadtarchiv Innsbruck

Von Gerlinde Tamerl

Innsbruck –Auf dem zerknitterten Schwarz-Weiß-Foto von ca. 1920 sind die jüdischen Zwillinge Erna und Käthe Krieser im Innsbrucker Hofgarten zu sehen. Die Mädchen genießen den Sommertag und präsentieren stolz ihre hübschen Kleider. Erna Krieser hielt sich oft im Hofgarten auf. Das behütete jüdische Mädchen meldete sich zuhause freiwillig, wenn es darum ging, Briefe zur Post zu bringen, so konnte sie ein wenig ihre Freiheit genießen, durch den Hofgarten schlendern und sich auch heimlich mit netten Burschen verabreden.

Heute kehrt die 1948 geborene Bella Levin – sie ist Erna Kriesers Tochter – wieder in den Hofgarten zurück. Die Israelin ist zu Gast in Innsbruck und wird heute Abend im Rathaus um 20 Uhr erstmals öffentlich ihre berührende Familiengeschichte erzählen.

Bereits vor 37 Jahren reiste Bella Levin nach Innsbruck, um nach den Spuren ihrer Familiengeschichte zu suchen. Ihre Mutter Erna Krieser weigerte sich, ihre Tochter Bella auf dieser Reise in die Vergangenheit zu begleiten. Sie hatte Innsbruck nach ihrer Flucht 1938 gänzlich den Rücken gekehrt und lebte bis zu ihrem Tod 1994 in Israel. Bella Levin knüpfte bei ihrem ersten Aufenthalt in Innsbruck 1980 keine Kontakte, erst im Jahr 2013 schrieb sie ein Mail an die Israelitische Kultusgemeinde und traf dabei auf den Historiker Niko Hofinger, der sich für die Aufarbeitung ihrer Familiengeschichte interessierte.

Bella Levin mit ihrem Sohn Alon Joseph im Innsbrucker Hofgarten.
© Vanessa Rachle / TT

Bella Levin schildert im Gespräch mit der TT, ihre Mutter Erna Krieser habe immer Deutsch mit ihr gesprochen, allerdings erzählte sie nur ungern von ihrer schwierigen Flucht vor den Nationalsozialisten. Ein erschütterndes Zeugnis dieser Flucht sind die Familienbriefe, die Erna Krieser ihrer Tochter allerdings gänzlich vorenthält. Erst nach dem Tod der Mutter erhält Bella Levin Einblick in diese berührende Korrespondenz, erfährt, wie ihre Großeltern Fanny und Julius Krieser verzweifelt versuchen, ihre Kinder Erna und Käthe, aber auch ihren Besitz vor dem nationalsozialistischen Terror zu retten.

Die jüdische Familie Krieser war in Innsbruck gut integriert, Julius ein Unternehmer, der gemeinsam mit seiner Frau Fanny ein Geschäft für Herrenmode führte. Die beiden hatten drei Kinder: Sohn Rudolf sowie die Zwillinge Erna und Käthe.

Ihre Mutter Erna Krieser (links auf dem historischen Foto von 1920 neben ihrer Zwillingsschwester Käthe) ist ebenso im Hofgarten zu sehen.
© Levin

Die erste Katastrophe im Leben der Familie Krieser passiert 1931, als ihr Sohn Rudolf plötzlich stirbt. Das Grauen findet seine Fortsetzung, als am Karfreitag 1938 auch das Kleiderhaus der Kriesers mit nicht abwaschbarer, ätzender Farbe beschmiert wird. Die Familie erkennt den Ernst der Lage, will flüchten. Erna wird als Kindermädchen nach Florenz geschickt, die Familie hofft, ihr folgen zu können, doch die Pläne scheitern. Dann geht alles schnell: Das Geschäft wird liquidiert, die Familie gezwungen, nach Wien zu flüchten. Julius Krieser versucht, seinen Besitz nach Palästina zu verschiffen, die Ladung geht aber „verloren“. Käthe wird ins Ghetto Lodz verschleppt, ihre Eltern Julius und Fanny nach Auschwit­z deportiert. Die Familie wird für immer zerrissen, nur Erna überlebt die riskante Flucht nach Palästina.

Anhand der erhaltenen Briefe hat Bella Levin mit ihrem Sohn Alon, den Historikern Horst Schreiber und Niko Hofinger ihre Familiengeschichte rekonstruiert. Diese Geschichte kann man in dem neuen Buch „1938. Der Anschluss in den Bezirken Tirols“ (Studienverlag) nachlesen. Es ist „ein Denkmal für meine Familie“, sagt Bella Levin.


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