Literatur

Eine Krähe gegen die Angst

Düstere An- und Aussichten: Die deutsche Autorin Monika Maron setzt sich literarisch mit den Reizthemen der Gegenwart auseinander
© Maron

Monika Marons neuer Roman „Munin oder Chaos im Kopf“ seziert provokant und mit beißender Ironie die alltägliche Furcht vor dem (Über-)Fremden.

Von Bernadette Lietzow

Wien — Die Journalistin Mina Wolf befindet sich „seit Wochen im Krieg", „in der Nacht im Dreißigjährigen und am Tag im Straßenkrieg". Der Grund für den letzteren, den „Straßenkrieg", mitten in einer Berliner Wohngegend mit adretten Alt- und pragmatischen Neubauten, residiert gegenüber der Freiberuflerin Anfang fünfzig: Es ist „die Sängerin". Diese, eine offensichtlich Verwirrte, schmettert tagaus, tagein Opernarien und Operetten-Melodien vom Balkon und legt damit die Nerven ihrer Umgebung blank.

Mina, die die Sommermonate nützen will, um gutes Geld mit einem Beitrag für eine Festschrift über den Dreißigjährigen Krieg zu verdienen, muss ihre Schreibarbeit in die Nacht verlegen, vertieft in die Auseinandersetzung mit einer Vergangenheit, die sie zunehmend in der momentanen Gegenwart wiederzufinden glaubt. Auch wenn die ziemlich abgeklärte Protagonistin versucht, Abstand zu halten, färbt die wachsende Aggression der Anwohner, die sich in Nachbarschaftstreffen gegen die Sängerin organisieren, auch auf sie ab. Minas „Verwirrung" wächst exponentiell zu den täglichen Schreckensmeldungen von fernem Krieg, vor allem aber nahen Übergriffen von Flüchtlingen — vor der eigenen Haustüre sozusagen.

Monika Maron beschreibt, gewohnt elegant und mit streckenweise beißender Ironie, das Unbehagen einer alleinstehenden Frau, die sich in ihrer mitteleuropäischen Selbstverständlichkeit bedrängt fühlt.

Infos zum Buch:

Roman Monika Maron: Munin oder Chaos im Kopf. S. Fischer, 224 Seiten; 20,60 Euro.

Die Bedrohung heißt „Islam" und trägt für Mina das Gesicht kopftuchtragender Frauen oder junger „dunkelhäutiger" Männer.

Sie sitzt damit in einem Boot mit der Autorin selbst, die sich in feuilletonistischen Beiträgen, durchaus befremdlich, weil seltsam unreflektiert, zur Ausbreitung des Islam in Deutschland geäußert hat und als streitbare Kritikerin von Angela Merkels Flüchtlingspolitik gilt.

Der Roman jedoch ist Fiktion abseits durchaus diskutierbarer Meinungen, und als solche ein Ereignis, nicht zuletzt, weil die Krähenliebhaberin Maron ein derartiges schwarzes Vogeltier als eine Art philosophischen Sparringspartner ihrer Zentralfigur einführt.

„Munin", nach einem der Raben des nordischen Gottes Odin, wird Mina diese etwas zerzauste, einbeinige Besucherin taufen und mit ihr, die mit Menschenstimme sprechen kann, sich im eigentlichsten Sinn über „Gott und die Welt" austauschen. Als „Stimmungsbild unserer Zeit" preist der Verlag Marons Roman an, und doch ist er vielmehr, in all den subtil bebilderten Ängsten der Journalistin und ihrer Nachbarn, ein Sittenbild unserer Abschottungsgesellschaft.