Im Sog aus Sehnsucht, Elegie, Verzweiflung
Der russische Ausnahmepianist Alexander Melnikov begeisterte beim Osterfestival Tirol.
Von Ursula Strohal
Hall – Unauslöschliche Konzertabende spielen sich derzeit beim Osterfestival Tirol ab, am Mittwoch reihte sich im Salzlager das Klavierrezital von Alexander Melnikov ein. In einer geistig, körperlich und emotional ebenso außergewöhnlichen wie erschöpfenden Darbietung spielte der russische Ausnahmepianist das Opus 87 von Dmitri Schostakowitsch, die „24 Präludien und Fugen“.
Schostakowitsch, unter unerträglichem Druck der sowjetischen Diktatur, entschloss sich zu diesem Werk im Bach-Jahr 1950 unter dem Eindruck von dessen „Wohltemperiertem Klavier“. Seine rund 150 Minuten Spielzeit umfassende Sammlung enthält in einer Reise durch die Tonarten 24 Satzpaare aus je einem Präludium und einer Fuge.
Melnikov ist ein Phänomen in der pianistischen Detailarbeit und folglich einer Textdurchdringung, die aber nicht in Exzentrik, sondern in einer kaum beschreibbaren Wahrhaftigkeit mündet. Wie ein Motiv sich insistierend verändert, Wiederholungen viel mehr als dieselben Töne sind, oder wenn das Thema nach einem Parforceritt sich selbst versonnen nachhört, der Pianist innerhalb der Pedal-Legierung einzelne Töne freisetzt – dann dient das allein der tiefsten Passion dieser Musik.
Melnikov fesselt mit seinen Anschlagfinessen und seinen unendlichen Möglichkeiten von Dynamik, Spannungsaufbau und Intensität in der Zurücknahme, und nicht nur wenn er scheinbar entfesselt stürmt, auch wenn sich lyrische Inseln auftun und Tanzrhythmen vorbeihuschen, so ist das alles ein großer Sog aus Elegie, Melancholie, Sehnsucht nach Harmonie und Freude, Schwermut, Aufbegehren, Verzweiflung.
Das ist nur an einem Abend der Gesamtinterpretation unter solchem Intellekt, solchen Händen, derart intensiv, intim und authentisch erlebbar.