Auf der Straße der Versager
Ben Stiller präsentiert sich in Mike Whites Mittelstandssatire „Im Zweifel glücklich“ als großer Charakterdarsteller.
Peter Angerer
Innsbruck –Brad Sloan (Ben Stiller) hadert mit seinem Selbstwertgefühl. Den Rest hat ihm heute ein Mitarbeiter gegeben, der beim Mittagessen seine Kündigung deponiert hat, um endlich an das große Geld heranzukommen.
Dabei macht sich in Brads kleiner Non-Profit-Firma niemand die Hände schmutzig. Brad berät aus der Komfortzone Nicht-Regierungsorganisationen beim Requirieren von Spendengeldern und organisiert seinerseits große Spender, die allerdings immer seltener werden. Zusätzlich rauben ihm die Erinnerungen an seine College-Kumpels den Schlaf.
Billy Wearstler (Jemaine Clement) schwimmt buchstäblich im Geld. Er hat mit 40 seine IT-Firma verkauft und lebt seither den amerikanischen Traum polygamer Beziehungen auf irgendeiner Hawaii-Insel. Besonders die Visionen mit den berüchtigten Cover-Schönheiten, die Brad immer wieder heimsuchen, versetzen ihn in Rage.
Aus dem einst blassen Nick (Mike White) ist ein berühmter Hollywood-Regisseur geworden. Jason Hatfield (Luke Wilson) durchquert mit seinem Privatjet als Börsenguru den Kontinent. Craig Fisher (Michael Sheen) geht im Weißen Haus ein und aus und ist beinahe täglich im Fernsehen zu sehen, wie er Plattitüden von sich gibt. Aber es war Brad, der im College im Zentrum stand und zu größten Hoffnungen Anlass gab. Was ist nur mit Brad Sloan passiert und wie konnte er nur auf dieser elenden Straße der Verlierer landen? Schwer getroffen von den Pfeilen der Demütigung wehrt sich Brad im Schlaf mit Faustschlägen gegen diese Albträume. Ein Schlag trifft seine Frau Melanie (Jenna Fischer), der nun wirklich nichts vorzuwerfen ist. Andererseits könnte es diese Zufriedenheit gewesen sein, die den Ehrgeiz und das Streben nach Erfolg aus Brads Leben getrieben hat.
Während der deutsche Verleihtitel „Im Zweifel glücklich“ mit der Erinnerung an ältere Ben-Stiller-Filme („Gefühlt Mitte zwanzig“) für die Generation X spielt und nicht viel mehr als eine Komödie verspricht, deutet Mike Whites Original „Brad’s Status“ schon im Titel eine satirische Erzählhaltung an.
Brad ist der Ich-Erzähler, damit gehören der inneren Stimme aus dem Off aber noch lange nicht die Bilder. Oft genügt ein anderer Blickwinkel und eine Szene erhält eine andere Bedeutung. Zu dieser Schule des Sehens animiert ihn sein Sohn Troy (Austin Abrams), den er nach Boston zu den Bewerbungsgesprächen an den angesagten Universitäten begleitet. Dem 17-Jährigen eilt als Komponist ein Genie-Status voraus, der dem Vater bisher entgangen ist. Aber Statussymbole sind – wie bei einem Magier die Ablenkung – der eigentliche Trick, um das träge Auge zu täuschen und von den dunklen Absichten in Sicherheit zu wiegen. Die bewunderten Kumpels von einst sind allesamt Betrüger und Scharlatane. Wie könnte der Traum vom schnellen Geld sonst in Erfüllung gehen?
In Mike Whites zweitem Kinofilm gibt es viel zu lachen, aber es ist kein fröhlicher Film. Und Ben Stiller ist als Schauspieler in einer neuen Liga angekommen. Wie er mit seiner Figur verschmilzt, die schmerzhaft aus einem Traum erwacht und erstmals die Realität entdeckt, ist die beste Leistung seiner bisherigen Karriere.