“Boarding House Reach“ von Jack White: Sein oder Nichtsein

Das neue Album von Jack White „Boarding House Reach“ ist mehr als ein Soundexperiment, es ist musikalische Überforderung.

Jack White wurde mit dem Duo „The White Stripes“ bekannt. Inzwischen ist sein drittes Soloalbum erschienen.
© GETTY IMAGES NORTH AMERICA

Innsbruck –Jack White ist ein Universalgenie. Daran zweifeln bis heute wenige. Egal ob mit The White Stripes oder den The Raconteurs – ohne Jack White wäre der ehrliche Gitarrensound der Gegenwart nicht der, der er heute ist. Die Doku „It Might Get Loud“ (2008) adelt Jack White offiziell, nennt ihn in einer Reihe mit ikonischen Leadgitarristen der Rockmusik und zeigt: White steht Jimmy Page (Led Zeppelin) und The Edge (U2) in nichts nach.

Der Musiker ist dabei nicht nur für seine straighten Riffs bekannt, bei The Dead Weather drischt der Multiinstrumentalist etwa auf die Drums ein. Und allen seinen Bands leiht er seine Stimme, aber auch seinen Charakter. Denn Jack White klingt in jeder Combo nach Jack White.

Umso seltsamer nun die Richtung, die das neue Album „Boarding House Reach“ einschlägt, das dieser Tage erschien. Das Sammelsuriu­m verschiedenster Einflüsse wurde zwar hauptsächlich von White selbst eingespielt, passt aber in keine klassische Schublade. Nicht nur den roten Faden, sondern auch den ruppigen Gitarrensound von White vermisst man inständig; dieser kommt zwischen Rap, Synthiesounds sowie Jazz- oder Country­anklägen nicht mehr stark genug hervor.

Das geht so weit, dass man den 42-Jährigen in einer Sinn- oder Soundkrise wähnt: Während die großen Hits der White Stripes, aber auch die späteren Soloalben von White, „Blunderbuss“ (2012) und „Lazaretto“ (2014), sich an der Frage abarbeiteten, wie man den Blues in die Nullerjahre überträgt, kann sich der neue Longplayer nicht entscheiden, ob er nun dem Hip-Hop der späten 80er näher ist (gut hörbar bei „Ice Station Zebra“) oder doch lieber frühen Funksounds frönt (siehe „Corporation“). Die Vorabsingle „Connected by Love“ versprach zwar Experimentierfreude, ließ aber noch nicht ahnen, wie viel auditive Flexibilität der Zuhörer bei den 13 Songs an den Tag legen muss.

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Bestes Beispiel: „Respect Commander“, ein bis zur Unkenntlichkeit aufgeblähtes Bluesmotiv, verneint nicht nur klassische Vorgaben wie Strophen oder Refrain, sondern ändert mit ständigen Tempiwechseln auch laufend sein Gesicht. Songs wie „Ezmeralda Steals the Show“ oder „Abulia and Akrasia“ klingen in ihrer Kürze von unter zwei Minuten mehr nach Interludes zu wirklich guten Songs. Die dann aber nicht folgen. So bleibt das Album zerfranst und zu wirr, um es als durchdachtes Sound­experiment zu verkaufen. Fast so, als wolle Jack White partout nicht mehr nach Jack White klingen. (bunt)

A lternative Jack White: Boarding House Reach. XL Recordings.


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