„Die gescheiterte Revolution“ - Bittere Abrechnung mit Hugo Chavez

Wien (APA) - Eine Zeit lang richteten sich die Hoffnungen vieler Linker weltweit auf das südamerikanische Land Venezuela. Neun Jahre nach de...

Wien (APA) - Eine Zeit lang richteten sich die Hoffnungen vieler Linker weltweit auf das südamerikanische Land Venezuela. Neun Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer trat ein Präsident aus der „Peripherie“ auf die Weltbühne, der dem globalen wirtschaftsliberalen Konsens den Kampf ansagte. Der 1998 zum Präsidenten gewählte Hugo Chavez legte sich mit US-Präsident George W. Bush an, versprach eine wirtschafts- und sozialpolitische Kehrtwende um 180 Grad, und inspirierte zahlreiche linke Bewegungen in Lateinamerika, die sich anschickten, die Macht in ihren jeweiligen Ländern zu übernehmen.

19 Jahre nach seiner Amtseinführung steht Venezuela vor den Trümmern des von Chavez verkündeten „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“. 52 Prozent der Bevölkerung leben heute in extremer Armut, Güter des täglichen Bedarfs sind kaum noch erhältlich, die Kriminalität ufert aus und von der immer schon brüchigen Demokratie ist nicht einmal mehr die Fassade übrig geblieben. Der Journalist und Autor Hannes Bahrmann legt nun das - nach Verlagsangaben - erste Buch im deutschsprachigen Raum vor, das ein Resümee über die „gescheiterte Revolution“ in Venezuela zieht.

Bahrmann konzentriert sich darin auf die zahlreichen Verfehlungen der venezolanischen Führung. Akribisch arbeitet der Autor haarsträubende Fälle von Inkompetenz, Kriminalität, Wahlbetrug und Korruption im Dunstkreis von Chavez und seinem Nachfolger Nicolas Maduro auf und spart dabei nicht mit aufschlussreichen und zugleich unterhaltsamen Anekdoten. Eine besondere Stärke des Buches ist die genaue Darstellung der Verbindungen zwischen Kuba und Venezuela. Ins Auge sticht auch die Fachkenntnis des Autors, der über Erdölfördertechniken genauso kundig schreibt wie über das Elend der kubanischen Ärzte in Venezuela.

Konsequent ausgeblendet werden in Bahrmanns Darstellung hingegen Fakten, die unter Umständen für Chavez sprechen könnten. Zweifellos ist die Bilanz vom Jahr 2018 aus betrachtet desaströs. Zwischenzeitlich sah es aber besser aus. Der venezolanischen Regierung gelang es etwa, die Armut zwischen 2003 und 2013 zu halbieren. Venezuela entwickelte sich in dieser Zeit dank der sprudelnden Erdöleinnahmen und der umfangreichen Umverteilungsmaßnahmen laut UNO-Habitat zum Land mit der ausgeglichensten Wohlstandsverteilung Lateinamerikas. Erfolgreiche regionale Initiativen wie die Union Südamerikanischer Nationen (UNASUR) oder die Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten (CELAC) wären ohne Chavez kaum vorstellbar gewesen. Davon liest man bei Bahrmann keine Zeile. Stattdessen fokussiert er auf das wesentlich umstrittenere Staatenbündnis Bolivarische Allianz für die Völker Amerikas (ALBA), das allein von den venezolanischen Erdöllieferungen zusammengehalten wird.

Bahrmann schreibt gut und wohlinformiert über das Handeln der obersten Führungsriege, was auf den Ebenen darunter passiert, berücksichtigt er aber nicht. Auch der internationale Kontext wird selten miteinbezogen. In jenem Teil, der sich der Geschichte Venezuelas widmet, kommen lediglich die nationalen Führungsfiguren vor, was dem Verständnis komplexer Abläufe nicht unbedingt zuträglich ist. Fast könnte man meinen, Bahrmann sei selbst dem „Caudillismo“ verfallen, den er ankreidet.

Wer so viel über Führerkult schreibt, sollte außerdem zumindest in Ansätzen versuchen, zu erklären, warum dieser in Lateinamerika besonders gut verfängt. Der Verweis auf das Vorbild Simon Bolivar greift zu kurz. Ein bisschen mehr Hintergrundinformationen über politische, wirtschaftliche und soziale Strukturen hätten dem Buch nicht geschadet. Sicher, der Fokus von Bahrmann liegt anderswo, aber dennoch kann man die Vorbedingungen der venezolanischen Unabhängigkeitsbewegung um 1800 nicht mit dem Satz abhandeln: „Es gärte im Land.“

Bahrmanns abschließende Feststellung, dass in „Venezuela eine Gruppe aus ehemaligen Militärs, Guerrilleros und linken Politikern eines der reichsten Länder in zwei Jahrzehnten verarmen lassen und schließlich ruiniert“ habe, kann nicht unwidersprochen bleiben. Mitte der 90er-Jahre lebten 77 Prozent der venezolanischen Bevölkerung laut einer Studie des venezolanischen Forschungsinstituts Datos unterhalb der Armutsschwelle, 43 Prozent waren sogar von extremer Armut betroffen. Es war also kein „reiches Land“, das Chavez übernahm. In einem solchen hätten seine Agenda und seine Rhetorik gar keine Chance gehabt.

Bahrmanns gut lesbares und hoch informatives Buch ist kein nüchternes Resümee, sondern eine Anklageschrift. Eine abschließende Bilanz der Chavez- und Maduro-Jahre muss im Lichte der Entwicklungen der letzten Jahre eindeutig negativ ausfallen. Zu diesem Schluss hätte man aber auch nach Abwägen aller Für und Wider kommen können.

(SERVICE: Hannes Bahrmann: Venezuela. Die gescheiterte Revolution. Ch. Links Verlag, März 2018, 248 Seiten, 18 Euro, ISBN: 978-3-86153-985-8)


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