Alte und neue Heimaten: „So leben wir“ von Gustav Deutsch

Wien (APA) - „Stellen Sie sich vor, wir schauen gemeinsam Familienfilme“: Mit diesen Worten läutet Gustav Deutsch sein neuestes Werk „So leb...

Wien (APA) - „Stellen Sie sich vor, wir schauen gemeinsam Familienfilme“: Mit diesen Worten läutet Gustav Deutsch sein neuestes Werk „So leben wir“ ein und trifft damit den Nagel auf den Kopf. In knappen zwei Stunden verhandelt er ausführlich die Gattung Familienfilm bzw. Home Video, wobei er beinahe 100 Jahre zurück greift. Ab Donnerstag ist der Film im Wiener Metro Kinokulturhaus zu sehen.

Es ist eine langsame, die Aufmerksamkeit fordernde Reise in vergangene Tage und fremde Welten. Besonderes der zweite Aspekt ist von wesentlicher Bedeutung, geht es Deutsch doch auch um die Definition von Heimat. Denn alle Beispiele, die der 65-Jährige hier montiert, stammen von Menschen, die zu neuen Ufern aufgebrochen sind. Vom Burgenland in die USA, von Italien in die Schweiz oder von Marokko nach Europa. Ein Zuhause gibt es hier wie dort, wobei die Bilder von unterschiedlichen Kontinenten oft seltsam vertraut wirken.

Als Aufhänger dient Deutsch ein alter Freund: Bereits Anfang der 1990er arbeitete er mit dem marokkanischen Berber Mostafa Tabbou zusammen, gemeinsam entstand etwa „Augenzeugen der Fremde“. Mittlerweile ist Tabbou in Den Bosch in den Niederlanden ansässig, begibt sich aber mit Deutsch und dessen Frau Hanna Schimek auf einen Trip zu seiner weitverzweigten Familie. Lieusaint bei Paris, Casablanca und die Oase Figuig sind Stationen, die großteils mittels Handyvideos festgehalten werden: lachende Kinder, Familien am Essenstisch, Spaziergänge durch die - teils altvertraute - Nachbarschaft.

Die sieben Tage dauernde Reise wird mit Material aus unterschiedlichen Archiven in Beziehung gesetzt. Es sind jeweils Familienerzählungen, die Deutsch aus Beständen in Österreich, Großbritannien oder Amsterdam zusammengetragen hat. Die frühesten Aufnahmen sind dabei in den 1920ern entstanden und zeigen „das neue Zuhause in der Fremde“, wie es heißt. Indien, Äthiopien, Sumatra, aber auch Boston und Chicago sind Schauplätze von Alltäglichem, das auf Filmrollen gebannt wurde. Fast immer gibt es ein vor und zurück, also Ansichten der neuen Heimat sowie Ausflüge in die alte.

Am deutlichsten wird dieser Gegensatz beim burgenländischen Beispiel: Ein Weinhändler aus Pinkafeld hält in den 50er-Jahren sowohl das geschäftige Treiben in Chicago fest, wie er auch durch die Dörfer des Burgenlands zieht. In der alten und neuen Welt gibt es reichlich Neugier für die Geschehnisse auf der anderen Seite, wie gut besuchte Vorführungen zeigen. Die ländliche Ruhe trifft auf den Trubel der Großstadt, wobei Deutsch die Aufnahmen sorgsam kommentiert und beschreibt, aber auch in ihrer Extensität oft zu lange wirken lässt.

„So leben wir“, im Rahmen einer Retrospektive im Metro Kinokulturhaus angesetzt („Gustav Deutsch - Die Weitergabe des Feuers“ von 5. bis 15. April), bietet zwar höchst intime Einblicke in eine allgemeingültige Vergangenheit, steht sich dabei aber leider auch selbst im Weg. So reizvoll Struktur und Thema angelegt sind, so ermüdend ist der archivarische Ausflug ins Familienleben unbekannter Menschen oft. Es bleibt wie ein Blick ins Fotoalbum von Fremden: Oberflächlich interessant, aber letztlich seltsam distanziert.

(S E R V I C E - http://gustavdeutsch.net/de)


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