Die Rettung kommt automatisch

Das Notruf-System eCall muss ab jetzt in neuen Fahrzeugen verbaut werden. Vor allem bei Unfällen in ländlichen Gebieten erhoffen sich Einsatzkräfte höhere Überlebenschancen.

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Von Matthias Christler

Innsbruck –Eine abgelegene Straße, ein Auto kracht gegen einen Baum, der Fahrer schwer verletzt, bewusstlos, kein Mensch in Sicht und gerade jetzt könnte schnelle Hilfe ein Leben retten. In so einem Unfallszenario übernimmt der „eCall“ die Rolle des Zeugen, der die Rettungskräfte informiert, mittels Daten den Unfallhergang beschreibt und eine Sprechverbindung ins Auto aufbaut.

Die Rettungsorganisationen erhoffen sich einiges vom automatischen Notruf-System: „Angenommen jemand fährt bei uns in Tirol in der Nacht auf einer abgelegenen Bergstraße und stürzt mit dem Auto ab, dann könnte das stundenlang unentdeckt bleiben. Mit dem automatischen Notruf werden wir sofort informiert“, beschreibt Fritz Eller, Sprecher vom Rettungsdienst Tirol, den größten Vorteil.

Im Notfall sendet der eCall über das Mobilfunknetz Daten des Unfalls (Koordinaten, vermutete Anzahl der Insassen, Kraftstoffart, Fahrgestellnummer und Fahrtrichtung, was bei Autobahnen wichtig ist) an die Polizei. Dort wird versucht, Kontakt zum Lenker herzustellen. Ist es tatsächlich ein Unfall, der eine sofortige Hilfe notwendig macht, wird die Leitstelle Tirol informiert und die Retter machen sich auf den Weg.

Einen weiteren Vorteil des Systems erklärt Bernd Noggler, Geschäftsführer der Leitstelle Tirol: „Bei uns als Tourismusland kommt es vor, dass Urlauber nicht wissen, wo sie genau sind. Die Koordinaten, die wir übermittelt bekommen, helfen uns sicherlich weiter“, sagt er.

Die EU rechnet, dass mit dem eCall jährlich in Europa durch ein schnelleres Eingreifen 2500 Menschenleben gerettet und die Schwere der Verletzungen um 15 Prozent gesenkt werden können. Die Reaktionszeit der Einsatzkräfte soll in städtischen Gebieten um 40 und in ländlichen Gebieten um 50 Prozent gesenkt werden, heißt es von Seiten der EU.

Seit nunmehr 15 Jahren wird über das automatische Notfall-System diskutiert und mit den Nationalstaaten verhandelt. Da es seit April nur in neu genehmigten Modellen eingebaut sein muss und es keine Nachrüstpflicht gibt, wird es wieder einige Jahre dauern, bis jedes Fahrzeug damit ausgestattet sein wird. Deshalb wollen die Rettungsdienste es auch noch nicht „hochjubeln“, wie Eller sagt. „Grundsätzlich ist es eine gute Sache, auch wenn das Risiko besteht, dass es Fehlalarme gibt. Aber lieber kommen wir einmal öfter zu einem Unfall“, meint er.

Grundsätzlich befürwortet auch der ÖAMTC die Umsetzung, allerdings mit einer Ausnahme: „Man hat jetzt endlich ein einheitliches System, aber es ist schon wieder veraltet“, kritisiert ÖAMTC-Experte Stefan Saumweber das eCall-System im Vergleich mit jenen der Hersteller. SOS-Knöpfe und automatische Unfallmelder gibt es bereits in meist höherklassigen Fahrzeugen und die übermitteln laut Saumweber viel genauere Daten, unter anderem die Wucht des Aufpralls. Die Autohersteller können ihre Systeme zwar weiterhin einbauen, müssen aber garantieren, dass ein Teil der Daten auch an die eCall-Leitstelle weitergeleitet wird.

Einige Experten, unter anderem beim ÖAMTC, sorgen sich außerdem um den Datenschutz. Zwar garantierten Innenminister Herbert Kickl und Verkehrsminister Norbert Hofer in einer Aussendung, dass die Datensicherheit garantiert und der Dienst nicht darauf ausgelegt sei, dauerhaft Daten über das Fahrzeug und seine Position zu sammeln. „Aber man muss schon aufpassen, welche Daten generiert werden und was damit passiert“, gibt Saumweber zu bedenken. Beim verpflichtenden eCall dürfen Daten nur bei einem Unfall gesendet werden und müssen nach Beendigung des Einsatzes auch gelöscht werden. Bei den privaten Herstellern sei das jedoch nicht immer klar geregelt, warnt er.

Bei Leitstelle und den Rettungsdiensten ist man jedoch von einem überzeugt: Wenn nur ein Leben damit gerettet wird, hat sich das automatische Notruf-System gelohnt.


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