Sozialkritisch bewegtes Denken in Räumen

Rachel Whitereads Holocaust-Mahnmal am Wiener Judenplatz kennt jeder. Das 21er-Haus zeigt, was die britische Bildhauerin sonst noch macht.

© belvedere

Von Edith Schlocker

Wien –1993, ein Jahr nach ihrem spektakulären Auftritt bei der Kasseler documenta, erhielt die damals 30-jährige Bildhauerin Rachel Whiteread den Turner-Preis, die begehrteste Auszeichnung, die es für einen britischen Künstler zu gewinnen gibt. Am Wiener Judenplatz steht seit 18 Jahren ihr formal ebenso ungewöhnliches wie eindrückliches Holocaust-Mahnmal. Gestaltet in der für Whiteread typischen Handschrift als nach außen gestülpte Bibliothek. Die Rücken der Bücher bilden einen Panzer nach außen, ihre Inhalte sind gegen das verschlossene Innen gerichtet.

Ein Modell dieser monumentalen Skulptur, in der es im Gegensatz zu so vielen anderen Holocaust-Mahnmalen auf sehr subtile Weise um Erinnerung und Verlust geht, steht auch in der großen Whiteread-Personale, die das 21er-Haus der scheuen Britin widmet. Die erstmals in Österreich ihr Werk in seiner ganzen Vielseitig zeigt und klar macht, wie anders als üblich die Künstlerin tickt.

Nicht nur, weil sie die Skulptur vom Sockel stößt, sondern auch, weil sie ungewöhnliche Materialien wie Harz und Gummi sowie verquere Sichtweisen zur Basis ihres Formulierens macht. Zelebriert anhand von 66 Arbeiten aus allen Schaffensphasen, ganz kleinen und riesigen. Was alle gemeinsam haben, ist unübersehbar: ein Denken in Räumen statt in Hüllen. Wenn die Künstlerin etwa den Leerraum zwischen vier Stuhlbeinen zum Thema macht, indem sie sie mit Harz ausgießt. 25 dieser bunten „Spaces“ sind im 21er-Haus genauso zu sehen wie die zur Skulptur gewordenen Wasserfüllungen von Wärmflaschen oder Abgüsse von Türen, Fenstern und Böden.

Frühe Arbeiten, die vielleicht darüber hinwegtäuschen, dass Rachel Whiteread eine zutiefst politisch bewegte Künstlerin ist. Um etwa bereits 1990 durch den maßstabsgetreuen Abguss eines Londoner Abrisshauses in Gips eine Diskussion über die Problematik des sozialen Wohnbaus in Zeiten gieriger Immobilienhaie anzuzetteln. Fotos und ein Film bringen diese spektakuläre Installation in Erinnerung, der allerdings nur ein kurzes Leben beschieden war.

Eine Ahnung davon, wie sie gewirkt haben dürfte, vermittelt der weiß gipserne Abguss des „Room 101“ der BBC, der aller Wahrscheinlichkeit nach auch als Vorlage für die „Schreckenskammer im Ministerium für Liebe“ in George Orwells prophetischem Roman „1984“ gedient hat. Das Gefühl von Beklemmung geht von dieser brutal monumental daherkommenden Skulptur aus, die so etwas wie das Grab für die unzähligen Gespräche ist, die in diesem Raum des Rundfunkgebäudes verhandelt wurden. Unmittelbar mit der Situation von Obdachlosen – nicht nur in London – haben die Abgüsse von Matratzen zu tun, die Whiteread an eine Wand des 21er-Hauses gelehnt hat.


Kommentieren


Schlagworte