Bei Antibiotika auf den Arzt hören

Der Antibiotika-Verbrauch ist weltweit immens gestiegen. Resistente Keime lauern schon überall. Ärzte sind aber nicht die Einzigen, die auf einen gezielten Einsatz achten sollen.

© MUI/Lackner

Von Theresa Mair

Innsbruck – In Österreich ist zwischen 2000 und 2015 der Verbrauch von Antibiotika in der Humanmedizin um 15 Prozent gestiegen. 2016 wurden in der Humanmedizin allein 71.602 Tonnen Wirksub­stanz verbraucht. Das ist wenig im Vergleich zu anderen Ländern, wie z. B. Tunesien oder der Türkei. Aber kein Grund, sich beruhigt zurückzulehnen, wie Cornelia Lass-Flörl, Leiterin der Sektion für Hygiene und Mikrobiologie an der Med-Uni Innsbruck, weiß.

Wassersportler wie Surfer schlucken mit dem Wasser mitunter bereits resistente Krankheitskeime.
© iStock Editorial

„Bei den Problemkeimen wie MRSA – den Methicillin-resistenten Staphylokokken –, sind wir in Österreich im guten Mittelfeld. In Tirol haben wir eine Nachweisrate im Blut von circa acht Prozent, andere Länder sind weit über 15 Prozent. Doch auch wir sehen einen leichten Anstieg.“ Im Jahr 2016 wurden bei 65 Patienten in Tirol spezielle Darmkeim­e festgestellt, die gegenüber dem Carbapenem-Antibiotikum „Imipenem“ resistent waren. Wenn Reserve-Antibiotika wie diese – die Notlösung unter den Bakterienkillern – nicht mehr nützen, dann könne man noch versuchen, den Bakterien mit Kombinationen verschiedener Medikamente beizukommen. „Wir können die Patienten hier aber noch abzählen“, beruhigt Lass-Flörl ein wenig. Gemeinsam mit dem Land Tirol werden „Antibiotic Stewardship“-Programme durchgeführt, bei denen Ärzte im Umgang mit Antibiotika speziell ausgebildet werden. Jährlich wird zudem ein detaillierter Resistenzbericht für Tirol verfasst.

Doch Lass-Flörl sieht nicht nur die Humanmedizin in der Pflicht. „One Health“, eine Gesundheit, ist für sie der Begriff der Stunde. „Gesundheit muss wie ein Schirm über alle relevanten Bereiche gespannt werden. Wenn man sich nur auf die Humanmedizin fokussiert, ist das zu wenig“, sagt sie. Es brauche einen ganzheitlichen, disziplinenübergreifenden Ansatz, der die Zusammenhänge von Mensch, Tier, Umwelt und Gesundheit erkennt.

Denn Keime kennen keine Ländergrenzen. Menschen verreisen immer öfter, landwirtschaftliche Erzeugnisse werden um die Welt geschickt.

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Ein Beispiel: „Drei von vier Asien-Reisenden kommen mit multiresistenten Keimen aus dem Urlaub zurück“, so die Expertin. Bei manchen würden die Bakterien wieder verschwinden, bei anderen siedeln sie sich dauerhaft z. B. im Darm an, ohne Schwierigkeiten zu machen.

Problematisch wird es erst durch die Gabe von Antibiotika, wenn das Gleichgewicht der Mikroben zugunsten der resistenten Bakterien verschoben wird. Dann können sich die resistenten Keime ungestört vermehren. „Die poppen dann auf und können z. B. über mangelnde Händehygiene an andere übertragen werden.“ Im Krankenhaus werden diese Patienten isoliert und unter Umständen mit antiseptischer Seife gewaschen.

Doch nicht nur Asien-Fans schnappen multiresistente Keime auf. Auch die Keimbelastung diverser Gewässer bereitet Sorgen. Neue Untersuchungen aus England würden zeigen, dass „Wassersportler wie Surfer, die auch einmal mehr Wasser verschlucken, häufiger Keimträger von multi­resistenten Bakterien sind“.

Man muss nicht mehr in die Ferne schweifen. Die Niederlande hätten sich quasi ein Resistenzproblem herangezüchtet. „Ganz Holland hat aus heiterem Himmel mit einem hochresistenten Schimmelpilz zu kämpfen. Tulpenzwiebeln wurden mit Anti-Pilz-Substanzen behandelt, um ein Verschimmeln zu verhindern. Die Umweltpilze haben sich aber entsprechend adaptiert und sprechen auf diese Sub­stanzen nicht mehr an.“

Dieselben Substanzgruppen werden auch in der Tier- und Humanmedizin zur Behandlung von Pilzinfektionen eingesetzt. Inzwischen breitet sich der Pilz ungeachtet der Chemiekeule weiter aus, sodass er vereinzelt in der Lunge von Menschen festgestellt worden sei.

Drei von vier Reisenden kommen mit einem Keim-Souvenir aus dem Asien-Urlaub zurück.
© iStockphoto

Lass-Flörls Fazit: „Antibiotika müssen so gezielt wie möglich eingesetzt werden.“ Kranken rät sie, zum Arzt zu gehen und auf diesen zu hören. Denn Antibiotika, richtig eingesetzt, retten Leben. „Wenn man eine Infektion übersieht, kann dies im schlimmsten Fall mit einer Sepsis und tödlich enden.“

Beim Verdacht auf eine bakterielle Infektion, z. B. eine Bronchitis, sei ein Bluttest ratsam. „Wenn die Leukozyten und der CRP-Wert erhöht sind, kann das auf eine bakterielle Infektion hindeuten“, sagt die Expertin, die in ihrem Labor täglich 1000 bis 2000 Blut-, Harn- und Stuhlproben auf Erreger prüft. „Wir testen, um welche Erreger es sich handel­t, und prüfen dann das beste Medikament dagegen, ganz im Sinne einer personalisierten Hygiene.“ Die Forschung arbeite auf Hochtouren an Medikamenten. Doch weder heute noch morgen wird es ein Wunder-Antibiotikum geben.


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