„Der Neubauer“: Cordula Simon verlegt sich aufs Schimpfen

Wien (APA) - Mit ihrem vierten Roman „Der Neubauer“ bricht Cordula Simon mit den schaurig-apokalyptischen Motiven der Vorgänger und legt die...

Wien (APA) - Mit ihrem vierten Roman „Der Neubauer“ bricht Cordula Simon mit den schaurig-apokalyptischen Motiven der Vorgänger und legt diesmal einen Hochstaplerroman vor. Im Zentrum steht ein gedankenlesender Ich-Erzähler, der seinen Job als Regalbetreuer verloren hat und widerwillig bei seinen Oberschichtfreunden Unterschlupf sucht. Eine bisweilen amüsante Reise in die Köpfe der arbeitslosen Reichen.

Auf 200 Seiten entspinnt die 32-jährige Grazerin, die 2013 bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur teilgenommen hat, eine niemals abreißende Hasstirade auf jene gelangweilten, dem Gutmenschentum zugeneigten jungen Erwachsenen, deren Miete von den Eltern bezahlt wird und die sich mit dem syrischen Buffet brüsten, das „ihr Flüchtling“ für die betuchten Party-Freunde bereitet hat. Nach „Der potemkinsche Hund“ (2012), „Ostrov Mogila“ (2013) und zuletzt „Wie man schlafen soll“ geht es um das Hier und Jetzt. Ein gnadenloser, polemischer Blick auf jene, die auf die Butterseite des Lebens gefallen sind und dabei ziemlich schmierig werden.

Dafür, dass sich der namenlose Ich-Erzähler, der in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen ist und nach dem Rausschmiss aus dem Supermarkt auch noch seine Wohnung verliert, so viel Mühe gegeben hat, sich mit den Oberschicht-Langweilern anzufreunden, hasst er sie ganz schön. Seine Urteile fallen stets negativ aus: Seine Freundin, die er „Mademoiselle Taran“ nennt, ist eine „Aufmerksamkeitsnutte“, deren Freunde Vitus und Amadeus sind „die Kevins der Betuchten“. Und weiter: „Amadeus‘ Haare waren mittlerweile so lang, dass er sie mit einem Haarreifen aus dem Gesicht hielt, den er sich im Minutentakt neu aufsetzen musste. (...) Wie schwul ist das denn? Und das meine ich jetzt nicht homophob, sondern ausschließlich als Beleidigung.“

Wer glaubt, dass es sich nach den anfänglichen Rundumschlägen auf die seichte High Society ausgeschimpft hätte und die Handlung einen anderen Antrieb finden würde, hat weit gefehlt. Das anfängliche Amüsement über scharfsinnige Beobachtungen der hirnlosen Selbstbeweihräucherungen der Freunde nützt sich irgendwann ab. Da ist zum Beispiel auch Moni, die Freundin von Wiesner („Die kleine Schildkröte“), bei dem der Erzähler Unterschlupf gefunden hat. „Man kann ein Buch wirklich nach dem Cover beurteilen. Gerade Moni hatte einen recht deutlichen Klappentext auf die Stirn gedruckt.“ Und bevor er Mademoiselle Taran bei einem ungeplanten Heiratsantrag gleich den Ringfinger bricht - der später amputiert werden muss - weiß er: „Sie gehörte zu den Menschen, die sich beständig darüber wunderten, dass in Brautmodengeschäften nicht auch Bräutigame verkauft wurden.“ Das mag sowohl treffend als auch komisch sein, läuft sich mit fortschreitender Lektüre jedoch irgendwann tot.

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Ach ja, die Handlung: Um zu erklären, warum er plötzlich nicht mehr in seine Wohnung zurückgehen kann, erfindet der Ich-Erzähler kurzerhand einen gefährlichen Vorfall, der es gebietet, für ein paar Tage unterzutauchen. Dass sich im Freundeskreis schnell das Gerücht verbreitet, es handle sich um Probleme mit der Mafia, erfährt er aus den Gedanken, die er zu lesen imstande ist. Und so wechseln sich im Erzählfluss Beobachtungen, eigene und fremde Gedanken derart schnell - und ohne Anführungszeichen - ab, dass der Strom irgendwann auch vor dem geistigen Auge des Lesers verschwimmt. Was wurde gesagt? Was gedacht? Und: von wem jetzt eigentlich?

Bis zum Schluss ist der Erzähler jedenfalls damit beschäftigt, sich wechselnde Schlafstätten zu besorgen, die er jedoch immer wieder fluchtartig verlässt, da ihm seine Gastgeber zu sehr auf die Nerven fallen (und umgekehrt). Sein einziger Freund ist dabei eine Katze, die ihm aus einer der Wohnungen gefolgt ist und ihn fortan nicht mehr alleine lässt, worüber er sich allerdings auch nicht immer freut. Der titelgebende „Neubauer“ bleibt übrigens ein Phantom. Kurz vor dem finalen Showdown droht - so viel sei verraten - das Lügengebäude in sich zusammen zu brechen: „Das ganze brennende Haus, das ich in diesen letzten Jahren zusammengenagelt hatte.“

(S E R V I C E - Cordula Simon: „Der Neubauer“, Residenz Verlag, 200 Seiten, 20 Euro. Buchpräsentationen am 9. April im Literaturhaus Graz und am 17. April im Literaturhaus Wien, jeweils 19 Uhr.)


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