316 Tage „hoch zu Stahlross“

Sebastian Hölzl umrundete fast ganz Europa – auf dem Fahrrad. 24.179 Kilometer Küstenstraßen entlang. Dabei leidet der 72-Jährige an einer inkompletten Querschnittslähmung.

Der 72-Jährige radelte 24.000 Kilometer weit.
© Hölzl

Von Judith Sam

Innsbruck –„Mein Fahrrad ist mein Rollstuhlersatz“: Sebastian Hölzl kommt gleich auf den Punkt. In wenigen Tagen wird er 73 – ein Alter, in dem so mancher einen längeren Spaziergang als Sport bezeichnet. Nicht so der Innsbrucker: „In den letzten vier Jahren habe ich auf dem Fahrrad 24.179 Kilometer zurückgelegt – von Norwegen bis Malta entlang den Küstenstraßen Europas. 7000 Kilometer fehlen noch, dann habe ich quasi den Kontinent umrundet.“

Beeindruckend. Vor allem, wenn man weiß, dass der vierfache Vater im Alter von 55 Jahren beim Paragliding verunfallte und seitdem mit versteifter Wirbelsäule und inkompletter Querschnittslähmung lebt: „Die Prognose war, dass ich den Großteil meines Lebens im Bett verbringen müsste.“ Eine Horrorvorstellung für den Extrembergsteiger.

Der Griff an den Fahrradlenker – eine typische Pose von Sebastian Hölzl.
© Böhm

Sieben 7000er hat er bezwungen. Selbst nach der Diagnose bestieg er noch den 7000 Meter hohen Himlung im Himalaya: „Ich kann zwar gehen, aber die Motorik ist gestört. Mein Hinkebein muss ich höher heben, um nicht zu stürzen, und es befolgt nicht alle Befehle meines Gehirns.“

Die Bergtour war darum gleichermaßen Erfolgserlebnis wie Quälerei: „Bergauf hatte ich keine Probleme, aber um zum Berg zu gelangen, marschierten wir zehn Tage durch Nepals Hinterland. Wegen meines Gehumpels war ich täglich um Stunden länger unterwegs als meine Kollegen.“

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Ein neues Hobby musste her: „Zufällig habe ich damals gelesen, dass ein Lette mit dem Skateboard vom Nordkap bis Gibraltar fuhr.“ Die Idee motivierte Hölzl, sodass er wenig später die erste von bisher acht Fahrradtouren antrat. Allesamt Touren der Extreme – eine zog sich etwa vom Nordkap bis Santiago de Compostela. Stattliche 7428 Kilometer, die er in 100 Tagen am Rad bewältigte.

„Bisher habe ich so 316 Tage ,hoch zu Stahlross‘ verbracht“, sagt Hölzl, der bis zu seinem Unfall als Archivar arbeitete – was seine detaillierten Aufzeichnungen erklärt. „Ich hätte den Beruf gerne weiter ausgeübt, litt aber an Spasmen und konnte nicht schmerzfrei länger sitzen.“

Schmerzen hat er mitunter auch beim Radeln: „Um gutes Wetter zu nutzen, fahre ich schon mal 20, 30 Tage ohne Rasttag durch. Ich habe wenig Sitzfleisch. Wortwörtlich. Darum schaue ich dann aus wie ein Pavian – wenn Sie wissen, was ich meine.“ Trotz wundem, rotem Gesäß erlaubt sich Hölzl oft keine Pause: „Dann radle ich eben stehend weiter.“

Ein strapaziöser „Urlaub“. Aber wenigstens kann sich der Rentner erholen, wenn er nachts im flauschigen Hotelbett liegt. Könnte man meinen. „Hotelbett? Ich habe nur eine Handvoll Nächte in Pilgerstätten genächtigt, damals in Spanien, weil ich mich mit dem Wetter verschätzt und nicht genug warme Kleidung dabeihatte“, berichtigt Hölzl. Er schläft lieber in „Minna“ – wie er sein Zelt getauft hat.

© Hölzl

Das begleitet ihn seit Beginn der Touren ebenso treu wie „Speedy“, das Rad. Dessen Marke will Hölzl nicht verraten: „Weil die Firma mich nicht sponsert.“ Dabei hätte er nur Positives zu berichten: „Auf 24.000 Kilometern hatte das Rad nicht ein Gebrechen. Nicht mal einen Platten!“

Dabei hätte es genug Anlässe gegeben. „Ich bin einige Male gestürzt“, sagt Hölzl. In Venedig fand „Speedys“ Vorderreifen auf Straßenbahnschienen etwa keinen Halt: „Ich verstaue mein 15-Kilo-Gepäck nämlich über dem Hinterreifen, damit lagern 80 Prozent des Gewichts dort und man kippt leicht um.“

Diese asketische Ausrüstung reiche aus: „Ich brauche nicht mehr. Außerdem gebe ich unterwegs pro Woche höchstens 100 Euro aus, weil ich nur Lebensmittel kaufe.“ Klingt nach einem guten Konzept. Abgesehen von der Passage durch die Bretagne 2016: „Da wäre ich fast verhungert. Nirgends Infrastruktur – weder Tankstelle noch Gasthaus oder Geschäft. Damit hatte ich nicht gerechnet.“ Hölzl kollabierte vor Hunger und lag zwei Stunden neben der Straße, bis Autofahrer ihm halfen.

Genug der Hiobsbotschaften. Hölzl freut sich bereits auf Tour Nummer neun, die ihn demnächst durch Finnland und die baltischen Staaten führen wird. 4000 Kilometer. Ob er sich dafür vielleicht ein E-Bike zum 73. Geburtstag schenken wird? Eine Frage, die den sonst so ausgeglichenen Mann aufregt: „E-Bike? Nein! Nein, nein, nein. Bevor ich auf so was angewiesen bin, lasse ich das Radeln lieber!“


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