Der Terror der Maras: Banden in Honduras vertreiben Familien

Tegucigalpa (APA/dpa) - Lange führte Luna ein beschauliches Dasein mit ihrer Familie in einem Dorf nahe Tegucigalpa, der Hauptstadt von Hond...

Tegucigalpa (APA/dpa) - Lange führte Luna ein beschauliches Dasein mit ihrer Familie in einem Dorf nahe Tegucigalpa, der Hauptstadt von Honduras. Sie hatte ihr Kleidergeschäft und ihr Auskommen - bis die Maras, die berüchtigten Jugendbanden von Honduras, kamen.

Sie zwangen die mehrfache Mutter, die ihren echten Namen nicht nennen möchte, eine Art Kriegssteuer zu zahlen. Als die 48-Jährige sich weigerte, töteten Maras-Mitglieder ihre Mutter und einen ihrer Söhne und vertrieben die Familie - ein Leben, zerstört binnen einer Woche.

Wie Luna ergeht es vielen anderen Familien in Honduras. In dem mittelamerikanischen Land terrorisieren vor allem die Banden Barrio 18 (auch Mara 18 genannt) und Mara Salvatrucha (MS-13) die Bevölkerung. Die Mafia-ähnlich organisierten Banden sind mittlerweile der Hauptgrund für die gewaltsame Vertreibung von Menschen. Der Norwegische Flüchtlingsrat, der in dem mittelamerikanischen Land aktiv ist, schätzt die Zahl der betroffenen Familien auf Hunderte - und spricht von einer wahrhaft humanitären Krise.

Der jüngste Bericht der UN-Flüchtlingsagentur UNHCR von Februar 2017 beziffert die Zahl der Binnenflüchtlinge in 20 Gemeinden des Landes im Zeitraum von 2004 bis 2014 mit 174.000 Menschen. Nach Zahlen des Ombudsmannes von Honduras flohen knapp 46.000 Honduraner 2016 außer Landes, gut 10.500 von ihnen wurden in Ländern wie USA, Spanien, Kanada, Mexiko und Costa Rica als Flüchtlinge anerkannt.

Das Problem ist nicht neu. Seit Jahren schon terrorisieren die Maras die Einwohner in Gebieten, über die sie die Kontrolle haben. Ihre Einnahmequellen: Drogenhandel, Schutzgelder oder auch Migrantenschmuggel in die USA. Für den Verkauf von Drogen oder die Eintreibung von Schutzgeldern setzen die Banden auch Kinder und Jugendliche ein.

„Wir haben gesehen, wie diese gewaltsame Rekrutierung das Leben der Kinder beeinträchtigt“, schilderte die stellvertretende UN-Hochkommissarin für Flüchtlinge, Kelly Clements, ihre Eindrücke nach einer Reise durch Mittelamerika Anfang März. „Dies macht es ihnen unmöglich, zur Schule zu gehen. Auch viele Lehrer werden bedroht.“

Die Häuser, aus denen die Maras Familien wie die von Luna vertreiben, nutzen die Banden als Folterzentren oder für Morde. Die Gebäude nennen sie „Casas locas“ - verrückte Häuser - offenbar in Anlehnung an den von ihnen geprägten Lebensstil, den sie als „Vida loca“ (Verrücktes Leben) bezeichnen.

„Mara Salvatrucha“ und „Mara 18“ gehören zu den bekanntesten Banden, deren Ursprung in den USA der 80er-Jahre liegt. Damals schlossen sich mittelamerikanische Einwanderer in Los Angeles in Gangs zusammen, um sich gegen die dortigen afroamerikanischen und asiatischen Banden zu behaupten.

Nach dem Ende der diversen Bürgerkriege in Mittelamerika schoben die US-Behörden ab Mitte der 90er-Jahre zahlreiche straffällige Mittelamerikaner in ihre Heimat ab. In den von jahrelangen Konflikten erschütterten Gesellschaften konnten sie sich schnell ausbreiten und neue Mitglieder gewinnen. In Honduras, aber auch Guatemala und El Salvador, haben die Banden Zehntausende Mitglieder.

Die Existenz der Maras mache es den Menschen schwer, sich frei zu bewegen und Hilfe zu suchen, sagt Clements. Das UNHCR und der Norwegische Flüchtlingsrat versuchen dennoch, die Vertriebenen zu beraten, die im Ausland um Asyl bitten wollen. Andere Betroffene nehmen ihr Schicksal in die Hand und wollen das Land auf eigene Faust in Richtung USA verlassen. Doch dafür müssen sie Mexiko durchqueren - und dort lauern andere Banden, die oft Migranten entführen, um Lösegeld zu erpressen.

Wie Luna will auch Bryan Honduras so schnell wie möglich den Rücken kehren. „Es war nie meine Absicht, mein Land zu verlassen - ich hatte eine gute Arbeit, meine Transportfirma und lebte gut“, sagt der mehrfache Vater. Doch dann schlugen ihn Maras-Mitglieder eines Tages brutal zusammen und forderten ihn auf, innerhalb von sechs Stunden mit Ehefrau und Kindern sein Haus in Tegucigalpa zu räumen. Seit fünf Monaten verstecken sie sich in einem kleinen Apartment und trauen sich nicht mehr auf die Straße.

Der Kommissar für Menschenrechte in Honduras, Roberto Herrera Caceres, fordert in einem Gespräch sofortige Schutzmaßnahmen. Polizeisprecher Jair Meza sagt, man versuche das Bestmögliche mit den vorhandenen Ressourcen. So sei die Polizei in den Vierteln und Dörfern verstärkt vor Ort, in denen kriminelle Gruppen Fuß gefasst haben. Die Bewohner sollen sich damit sicherer fühlen.

Ein Besuch von Reportern in Begleitung der Polizei im Norden von Tegucigalpa, wo Familien aus ihren Häusern vertrieben wurden, vermittelt den Eindruck scheinbar ruhiger Straßen. Doch die Anrainer wissen: Hier haben die Banden die Kontrolle und die Polizei keinen Einfluss.


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