Zeit, dass sich das Pedal neu dreht

Die Kraftübertragung von Mensch zu Rad hat sich enorm entwickelt: von der Bärentatze mit Krallen gegen ein Abrutschen des Fußes über das heute übliche Klickpedal zu einem neuen System mit Magneten aus Tirol.

Rostig und längst nicht mehr zeitgemäß. Bei den Pedalen hat sich viel getan.
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Von Matthias Christler

Innsbruck — Mensch und Maschine, vereint seit 1884. Vor mehr als 130 Jahren traten Radler zum ersten Mal in die Pedale und bewegten so kraft ihrer Beine die zwei Räder. Seitdem hat sich viel getan: Lederriemen, die den Fuß in Position halten. Bärentatzen mit kleinen Krallen, die vor allem bei BMX-Fahrern ein Abrutschen verhindern sollten. Und schließlich Klickpedale, geliebt von Profis, gehasst von Anfängern, weil nichts „patscherter" ausschaut, als wenn man vor einer Ampel stehen bleibt, den fest verankerten Schuh nicht vom Pedal lösen kann und schön langsam seitwärts zu Boden sinkt.

Doch Klickpedale haben sich auf der Straße durchgesetzt und machen mittlerweile auch am Berg Sinn. Im Geschäft von Hans-Peter Gratt in Kufstein treten bereits „drei von vier ambitionierten Mountainbikern" damit. „Ohne Klickpedale verliert man bei der Drehung von 360 Grad einfach zu viel Energie, 90 bis 130 Grad gehen ins Leere", erklärt der Inn-Bike-Besitzer, der früher Mountainbike-Rennen gefahren ist und bei dem es vor 15 Jahren „Klick" gemacht hat. Bei Rennradfahrern gebe es ohnehin kaum noch welche, die darauf verzichten. Genauso würden bessere Downhill-Biker die fixe Verbindung bevorzugen, „weil sie froh sind, wenn sie bergab über Wurzeln und Steine nicht abrutschen".

Wer sich nicht entscheiden kann, für den gibt es inzwischen Wendepedale — auf der einen Seite mit Klick, auf der anderen ohne. Allerdings rät Gratt davon ab: „So gewöhnt man sich nicht daran. Und wenn man zwei Wochen lang täglich probiert, hat man das mit den Klickpedalen heraußen", sagt der 26-Jährige, der neben dem Geschäft Kurse anbietet, bei denen unter anderem das richtige Fixieren und Lösen trainiert wird. Wichtig für ein sicheres Absteigen seien die Einstellungen am Schuh und bei der Auslösehärte am Pedal. Dann kann fast nichts mehr schiefgehen.

Trotzdem, die fixe Mensch-Maschinen-Verbindung ist nicht für jeden Radfahrer etwas. Davon sind Harald Himmler (52) aus Aldrans und Paul Wessiack (44) aus Sistrans überzeugt und haben deswegen eine Alternative auf den Markt gebracht. Ein Sicherheitspedal, mit dem man nicht mehr Gefahr läuft, in kritischen Situationen umzukippen. Die Verbindung funktioniert magnetisch, deshalb heißt ihr Pedal „magped". „Unsere Kunden haben wahrscheinlich alle schon mal so einen Sturz gehabt", sagt Himmler, der bereits seit sieben Jahren an der Idee feilt.

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Das Patent gibt es schon seit 2004. Weil der Erfinder aus Deutschland die Entwicklung nicht weiterverfolgte, kaufte Himmler ihm die Idee ab und hat sie gemeinsam mit Wessiack zur Produktreife gebracht. „Das Wichtigste ist der patentierte, flexibel gelagerte Magnet am Pedal", erklärt Wessiack. Durch die Flexibilität lässt sich der Schuh beim Treten geringfügig drehen, was die Gelenke schont. Und der Magnet hat fast etwas Magisches an sich: „Es ist einer der stärksten am Markt und hält 15 Kilogramm Zugkraft aus — wenn man vertikal zieht. Sobald der Magnet aber seitlich gelöst wird oder auch reflexartig bei einem Sturz, geht es ganz leicht." Damit das System funktioniert, braucht es natürlich ein Gegenstück. Das wird mitgeliefert und kann auf jeden Mountainbike-Schuh mit dem so genannten SPD-System montiert werden. Weil die Schuhe von Rennradfahrern zu schmal sind, hat magped als Hauptzielgruppe Mountain- und E-Biker, „es sind Sicherheitspedale für ambitionierte Almfahrer", umschreibt es Himmler.

100.000 Euro und eine Innovationsförderung des Landes Tirol stecken in der Entwicklung der Pedale, die seit zwei Wochen um 89 Euro im Onlineshop verkauft werden. 500 magpeds sind bereits im Einsatz, 1000 weitere werden nächste Woche aus China nach Tirol zum Weiterverkauf geliefert und 2000 gehen demnächst in Produktion.

Die Angst vor einem Sturz, weil man fixiert am Pedal hängt, steckt einigen Radfahrern eben in den Knochen, jetzt hat man immerhin drei Möglichkeiten für die Mensch-Maschinen-Verbindung: Man probiert das Magnet-System aus Tirol aus. Oder man übt das Klicken mit der passenden Einstellung. Oder man verzichtet auf beides und tritt weiter mit viel Energieverlust in die Pedale.

So tritt man heute:

Bärentatze neu: Die herkömmliche Bärentatze hat längst ausgedient, jetzt treten Mountainbiker auf Plattform-Pedale ein.
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Magnet-Pedal (unten). Das Tiroler Unternehmen magped hat ein Magnet-Pedal für Mountainbiker entwickelt, das sicheres Absteigen ermöglicht.
© Michael Kristen
Klickpedal für Profis: Mit speziellen Pedalen kann gemessen werden, wie viel Kraft der Radler aufwendet. Das funktioniert genauer als durch Pulsmessung.
© garmin

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