Terror-Prozess 5 - Angeklagter im Kreuzverhör

Wien (APA) - Nach einer Mittagspause wurde der Angeklagte eingehend zu seinen Kontakten zum Zwölfjährigen befragt, den er laut Anklage zu ei...

Wien (APA) - Nach einer Mittagspause wurde der Angeklagte eingehend zu seinen Kontakten zum Zwölfjährigen befragt, den er laut Anklage zu einem Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt in Ludwigshafen bestimmen wollte. Der vorsitzende Richter nahm den 19-Jährigen ins Kreuzverhör, der in Abrede stellte, er habe dem Unmündigen Anweisungen erteilt.

Die beiden hatten sich im Juni 2016 über den Instant-Messaging-Dienst Telegram kennengelernt. Sie gehörten einer Gruppe an, in der radikalislamistische Inhalte und IS-Propaganda geteilt wurden. „Ich hab‘ gar nicht gewusst, dass er zwölf ist. Er hat geredet wie ein Jugendlicher in unserem Alter. Er hat Sachen gewusst, die normale Leute in seinem Alter nicht wussten“, stellte der Angeklagte klar. Eines Tages ging es darum, ob man „ausreisen“, d.h. sich nach Syrien begeben solle, um sich dort dem IS anzuschließen. „Irgendwann hat er mir geschrieben, er wird nicht ausreisen. Er will es hier machen“, erinnerte sich der Angeklagte.

Der Zwölfjährige hätte von Anfang an und ohne sein Zutun einen Bombenanschlag geplant: „Er hat mir immer wieder geschrieben, er will einen Anschlag machen. Den Weihnachtsmarkt hatte er schon vor mir. Er hat mich am Laufenden gehalten. Ich hab‘ ihn einfach schreiben lassen.“ Der 19-Jährige bekam von dem Jüngeren auch Fotos von dem Bombengürtel, den der Zwölfjährige hergestellt hatte.

„Wollten Sie, dass er es macht?“ fragte der Vorsitzende. „Mir war es gleichgültig“, erwiderte der Bursch. Die von den Ermittlungsbehörden sichergestellten Chat-Protokolle der beiden, die ihre Gespräche in den Tagen und Stunden dokumentierten, bevor der Zwölfjährige tatsächlich mit einer Bombe auf einen Weihnachtsmarkt marschierte, zeichneten ein anderes Bild. Auf die Feststellung des Buben, der Sprengsatz habe unter seiner Jacke nicht Platz, schlug der Ältere die Verwendung einer Umhängetasche vor. „Er hat nicht meinen Rat in Anspruch genommen. Er hat selber eine Lösung gefunden“, hielt der Angeklagte dem entgegen. Als es darum ging, ob und in welcher Kirche die Bombe hochgehen solle, meinte der 19-Jährige: „Ich weiß nicht, ob Kirche gut ist.“ Und wenig später: „Bei euch muss es doch Weihnachtsmärkte geben. (...) Es hat doch noch offen!“

Damit konfrontiert, meinte der Angeklagte: „Das ist keine Aufforderung.“ - „Was dann?“ wollte der Richter wissen. - „Ich hab nicht gesagt: du musst.“ - „Das wär dann auch gezwungen. Das sagt ja keiner. Sie müssen ihn nicht zwingen mit vorgehaltener Waffe, um ihn zu einem Anschlag zu bestimmen oder zu bestärken. Wenn Sie ihm Anweisungen geben, ist das zumindest eine Unterstützung. Und das ist strafbar.“

Bis zuletzt schwankte der Zwölfjährige zwischen dem Anschlagsziel Weihnachtsmarkt oder Kirche. Stundenlang diskutierte er darüber mit dem Angeklagten. Nur „Naive“ und „Dumme“ würden in die Kirche gehen, gab der Jüngere etwa zu bedenken. „Deshalb sage ich Weihnachtsmarkt“, teilte ihm darauf der Wiener mit. „Ich sehe das als keinen Befehl“, meinte er nun dazu vor den Geschworenen. „Was ist das dann?“ forschte der Richter. Der Angeklagte blieb die Antwort zunächst schuldig: „Was soll ich dazu sagen?“ Allenfalls habe er einen „Tipp“ gegeben.

Der Versuch des Zwölfjährigen, am 26. November 2016 in Ludwigshafen seine Bombe zu zünden, scheiterte. Der Sprengsatz detonierte aus unbekannten Gründen nicht. Am selben Tag brach der Kontakt des Buben zu seinem Wiener „Mentor“ ab, wie der Staatsanwalt den Angeklagten in seinem Eingangsstatement bezeichnet hatte. Am 28. November unternahm der Zwölfjährige einen zweiten Versuch, seine Bombe hochgehen zu lassen. Auch das funktionierte nicht. Darauf hin deponierte er den Sprengsatz hinter einem Gebüsch, wo ihn die Polizei später sicherstellen konnte. Der deutsche Bub kann strafrechtlich nicht zur Verantwortung gezogen werden. Er war im Tatzeitpunkt nicht strafmündig.

Der Prozess gegen den 19-Jährigen wird am Mittwoch mit der weiteren Einvernahme des Angeklagten fortgesetzt.


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