Experte: China wird bald die größte Wirtschaftsmacht der Welt sein

Peking/Wien (APA) - „China wird allein wegen seiner Größe bald die größte Wirtschaftsmacht der Welt sein.“ Das prophezeit Jonas Puck, Profes...

Peking/Wien (APA) - „China wird allein wegen seiner Größe bald die größte Wirtschaftsmacht der Welt sein.“ Das prophezeit Jonas Puck, Professor an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU), im Vorfeld des von Bundespräsident Alexander Van der Bellen angeführten Staatsbesuchs im Reich der Mitte. Österreichs Unternehmen hätte den chinesischen Markt spät entdeckt, bilanzierte Puck. „Zu spät würde ich aber nicht sagen.“

Jedenfalls erlebe die Weltwirtschaft derzeit die größte Verschiebung im politischen Machtgefüge seit der Industriellen Revolution, erklärte der Vorstand des „Institute for International Business“ an der WU im Gespräch mit der APA. Allerdings sei das vielen politischen und wirtschaftlichen Akteuren zu wenig bewusst. „Was wir derzeit erleben, ist so noch nie da gewesen. Dass mit China und Indien zwei Mächte derart massiv nach oben drängen.“ Da diese Länder aber fast ein Drittel der Weltbevölkerung stellen, „wäre es auch komisch, wenn dem nicht so wäre“.

„Dass wir in China das absolute Zentrum der Weltwirtschaft haben, ist absolut unverrückbar“, formulierte Puck. Dazu trage auch die politische Struktur im Ein-Parteien-Staat bei. „Die Chinesen haben anders als wir immer ein ganz stark geplantes Wirtschaftssystem gehabt. Eine Planwirtschaft mit Fünf- und Zehnjahresplänen.“ Selbst wenn „sie sich schwergetan haben, diese zu erreichen“, habe China von dieser Kontinuität profitieren können. „Das ist natürlich der organisatorische Vorteil eines nicht stark demokratischen Systems, dass man langfristig planen kann.“

Zwar gebe es innerhalb der regierenden Kommunistischen Partei durchaus „demokratische Prozesse“, analysierte der aus Deutschland stammende Wirtschaftsexperte, „aber es gibt eben nur eine Partei.“ Zudem habe es seit 1978/79, „als die Öffnung Chinas beschlossen wurde, keinen radikalen Wechsel mehr gegeben“. Da zuletzt der Volkskongress die Amtszeit von Präsident Xi Jinping zumindest theoretisch auf Lebenszeit verlängert habe, seien noch viel weniger Veränderungen“ zu erwarten. „Das ist eine Stärke des Systems, die starke staatliche Kontrolle. Aus rein ökonomischer Sicht gibt das eine Sicherheit, die andere Systeme nicht haben.“ Nachsatz: „Das darf man jetzt nicht ethisch bewerten.“

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Im Westen habe man gedacht, „dass sich das System weiter entwickeln wird, dass es sich durch die gestärkte Mittelschicht öffnen und demokratisieren wird, aber es ist nicht so gewesen. „Berthold Brecht hat gesagt: ‚Erst kommt das Fressen, dann die Moral.‘ Es ist so, dass es in China noch eine große Basis gibt, die unglücklich mit ihrer Wohlfahrt und ihren ökonomischen Bedingungen ist, und eigentlich noch weiter wachsen will.“ Die Wachstumsraten in China seien zwar - vor allem im Vergleich zum Westen - immer noch beachtlich, aber auch rückläufig. „Sie waren sehr hoch, bei acht Prozent.“ Es habe dafür „zwei verschiedene Treiber“ gegeben. „Einerseits Wachstum durch geringe Lohnkosten und attraktive Produktionsbasis, anderseits gibt es in China schon einen großen Markt. Die Lebensverhältnisse der gehobenen Mittelschicht in Peking und Shanghai seien jetzt „nicht so stark unterschiedlich, wie wir sie haben“. Fazit: „Das sind schon interessante Märkte auch für westliche Investoren.“

Allerdings seien durch den steigenden Wohlstand zuletzt auch die Lohn- und Produktionskosten stark gestiegen. Ein Beispiel sei die Herstellung von Sportschuhen. „Da konnte man vor acht bis zehn Jahren sicher sein, dass das ‚Made in China‘ draufstand. Das existiert heute praktisch gar nicht mehr, das ist alles nach Vietnam oder Bangladesch gewandert.“ Die „lohnkostensenibelsten Branchen“ hätten China schon wieder verlassen, resümierte Puck. „Das Problem ist, dass in Folge auch das Wachstum wieder abgeflacht ist. Das sind zwar immer noch Raten, von denen wir nur träumen können, aber sie mussten umsteigen von einer rein lohnkostenorientierten Volkswirtschaft zu einer stärker leistungs- und innovationsgetriebenen Volkswirtschaft.“

Allerdings stehe das „chinesische System“ derzeit durchaus fester da als jenes der westlichen Welt. Es gab kaum eine Zeit, die soviel weltwirtschaftliche Veränderungen gebracht habe wie die vergangenen 18 Monate, erklärte der Experte in Hinsicht auf „Brexit“ und die Entwicklungen unter US-Präsident Donald Trump. „Das zeigt auch, dass das System fragil und nicht unzerbrechlich ist. Das betrachte ich mit Sorge.“

Etwas gelassener sieht Puck indes die jüngst wechselweise zwischen China und den USA verhängten Strafzölle. „Das sind keine Sanktionen im klassischen Sinn, das ist ein politisches Spiel.“ Die Frage sei: „Wie lange halten die Seiten dieses Spiel durch.“ Durch die Globalisierung seien die Länder und Wirtschaftssysteme bereits eng miteinander verflochten. „Allein durch Dollarreserven, die die Chinesen halten, sind ja auch die Amerikaner auf die Chinesen angewiesen, weil sie könnten den Kurs des Dollars abstürzen lassen.“ Allerdings könnte sich die Maßnahme wohl auch für China negativ auswirken. „Ich habe die Hoffnung, dass das nicht eskaliert.“

Seit dem WTO-Beitritt Chinas im Jahr 2001 sei eine Liberalisierung der Rahmenbedingungen zu bemerken, so der Wirtschaftsprofessor. „Früher war es ja nur möglich mit einem chinesischen Partner tätig zu sein. Die Idee war natürlich immer, über Joint Ventures externe Wissen ins Land zu holen.“ Neu sei mittlerweile, dass dies nun auch über Akquisitionen im Ausland versucht wird. „Ende der 1990er und Anfang der 2000er Jahre kamen nur sieben Prozent der ausländischen Investitionen aus Wachstumsmärkten. Mittlerweile sind es 37 Prozent. Da ist stark getrieben von chinesischen Investitionen, die ins Ausland gehen.“

Der Unterschied sei folgender: „Unternehmen aus entwickelten Ländern gehen nach China, um dort Kosten zu sparen. Die chinesischen Formen kaufen im Ausland Kompetenz ein.“ Zwar sei die mediale Wahrnehmung „eher kritisch“, aber zumindest aus Österreich und Deutschland sei es seinem Wissen zufolge nach einer chinesischen Übernahme nie zu betriebsbedingten Kündigungen gekommen, meinte Puck. „Sie schauen zu, beobachten und transferieren Wissen nach China, um dort ähnliche Kompetenzen anzuwenden, aber die Firmen laufen so weiter wie vorher.“ Etwas anders sei die Situation, wenn sich China in anderen Entwicklungsmärkten wie Afrika oder Teilen Lateinamerikas engagiere. Dort profitiere die örtliche Wirtschaft oder Bevölkerung kaum vom chinesischen Engagement.

Für Österreich gebe es in China durchaus „ein paar wichtige Projekte“ zu besprechen, meinte der WU-Professor vor dem Staatsbesuch in China. An diesem werden neben Bundespräsident Van der Bellen auch Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP), Außenministerin Karin Kneissl (FPÖ), Umweltministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP), Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP), Infrastrukturminister Norbert Hofer (FPÖ) sowie WKÖ-Präsident Christoph Leitl teilnehmen. Neben einem Treffen mit der chinesischen Staatsspitze in Peking stehen für den Großteil der Delegation ein Besuch des Boao-Wirtschaftsforums auf der Insel Hainan sowie der Regionalmetropole Chengdu auf dem Programm.

Das Boao-Wirtschaftsforum in China ist nach dem Modell des Wirtschaftsforums Davos gestaltet. Es soll dazu dienen, hochrangige Vertreter aus Wirtschaft und Politik zusammenzubringen, um aktuell brennende Themen zu besprechen. Treibende Kraft ist China, der ständige Veranstaltungsort Boao liegt auf der Insel Hainan, am südlichsten Zipfel Chinas. Organisiert wird das Treffen von Peking aus. Auch wenn der Fokus auf Asien liegt, wird versucht, jedes Jahr auch aus der EU zumindest einen Staatspräsidenten oder Premierminister zu gewinnen. Das Forum wurde 2001 von 26 asiatischen und ozeanischen Staaten gegründet. Offizielles Ziel ist die Förderung regionaler Integration und die Annäherung asiatischer Staaten an ihre Entwicklungsziele.

Eines der „wichtigen Projekte“ sei zum Beispiel „die neue Seidenstraße“, analysierte Puck. „Die Kernidee ist ja, sie praktisch bis nach Wien zu verlängern.“ Konkret soll die Transsibirische Breitspurbahn in Zukunft bis nach Parndorf im Burgenland reichen und so auch eine Eisenbahnanbindung an China geschaffen werden.“ Puck sieht diese Entwicklung positiv: „Den Eisenbahnknotenpunkt für Europa hier zu haben und nicht in der Slowakei, ist eine große Chance. Es ist klar, dass das Arbeitsplätze schafft, das ist ja auch politisch unbestritten.“

Österreichische Unternehmen hätten China freilich recht spät entdeckt, meinte der Experte. „Österreich hat sich stark auf Zentral- und Südosteuropa konzentriert.“ Mittlerweile sei dieser Markt „gesättigt“ und es beginne die Suche nach neue Horizonten. „Mittlerweile ist viel mehr bewusst, dass der chinesische Markt attraktiv ist.“ Es gebe Firmen wie den Tiroler Kristallschmuckhersteller Swarovski oder den Liftproduzenten Doppelmayr, die das Potenzial dieser Märkte „sehr früh erkannt haben und dort stark vertreten sind.“ Andere Unternehmen seien hingegen eher spät dran. „Dass sie zu spät daran sind, würde ich aber nicht sagen.“

Prinzipiell werde sich trotz der wirtschaftlichen Öffnung und den internationalen Kooperationen an den außenpolitischen Positionen Pekings nichts ändern, so ein Schlussresümee Pucks. Westliche Kritik an Chinas Positionen zu Taiwan oder Tibet werde zwar akzeptiert, Konsequenzen gebe es aber keine. „Was hat sich da in den vergangenen zehn Jahren getan? Gar nichts! Sie sagen: ‚Ihr habt das Recht euch zu äußern, aber wir machen trotzdem weiter, wie wir das wollen. Wir ziehen das durch.‘“ Daher sei China auch „weltpolitisch relativ wenig engagiert“. Frei nach dem Motto: „Wir lassen euch in Ruhe, daher schreibt uns auch nicht vor, wie wir uns zu verhalten haben.“

(Das Gespräch führte Edgar Schütz/APA)

( 0374-18; Reiseroute Staatsbesuch)

~ WEB https://news.wko.at/presse ~ APA164 2018-04-05/11:11


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