Auf Abwegen in All-Amerika

In „Prawda“ folgt Felicitas Hoppe zwei russischen Reportern durch die USA – und landet lustvoll in mancher Sackgasse.

© Böhm

Von Joachim Leitner

Innsbruck –In Alain Resnais’ Film „Mein Onkel aus Amerika“ (1980) fällt ein vielsagender Satz: „Amerika gibt es nicht“, sagt da einer, mit dem es das Schicksal nicht unbedingt gut gemeint hat. Er wisse das ganz genau, schließlich sei er da gewesen. Felicitas Hoppes neues Buch „Prawda“ – Untertitel: „Eine amerikanische Reise“ – beginnt ähnlich uneindeutig eindeutig: „Wir sind hier doch nicht in Amerika.“ Auch Hoppe, Büchner-Preisträgerin von 2012, weiß, wovon hier die Rede ist. Auch sie war da.

Im Herbst 2015 stieg sie in Boston in einen roten Ford, um über Detroit und Chicago, Santa Fé und Las Vegas an den Niagarafällen und dem Grand Canyon vorbei nach Kalifornien zu reisen. Ein Reisebericht ist „Prawda“ trotzdem nicht, jedenfalls kein handelsüblicher. Als Handreichung für Amerikareisende bietet sich der (Vielleicht-)Roman trotzdem an. Am besten in Kombination mit der Textsammlung „Das eingeschossige Amerika“ der russischen, oder präziser: der sowjetischen Erzähler Ilja Ilf und Jewgeni Petrow. Diese reisten 1935, um für Stalins Verlautbarungsorgan Prawda – das russische Wort für „Wahrheit“ – aus dem Land des Klassenfeindes zu berichten. Bereits 2011 hat Felicitas Hoppe für die deutschsprachige Neuauflage von „Das eingeschossige Amerika“ ein fabulierfröhliches Nachwort verfasst. In „Prawda“ geben Ilf und Petrow als imaginäre Reisegefährten die Route vor. Hoppes Buch ist die irrwitzige Überschreibung eines – zumindest aus heutiger Perspektive – irrwitzigen Urtextes: Die Autorin holt 80 Jahre alte Beobachtungen ins Heute, spinnt sie weiter, bastelt Versatzstücke aus dem unerschöpflichen Reservoir all-amerikanischer Mythen (aus Hollywood und von anderswo) dazu, zerlegt diese mit märchenhaften Wendungen in beliebig große Einzelteile – und setzt sie neu zusammen. Kurzum: Hoppe nimmt sich die Freiheit, einen Haken nach dem anderen zu schlagen. Für Leser – und für Reisende –, die es vorziehen, auf direktem Weg ans Ziel zu kommen, ist „Prawda“ dann wohl doch nichts. Außer ein großer Spaß vielleicht. Allerdings ist Felicitas Hoppe eine Erzählerin, die auch und gerade das Spaßmachen ernst nimmt: Immer wieder durchbrechen knappe, lakonische Sentenzen das bunte Treiben.

Wenn etwa von den Vorboten eines noch 2015 für quasi undenkbar gehaltenen demokratischen Richtungsentscheids die Rede ist: „Es ist schwer einzusehen, wie Menschen, die der Gewohnheit, sich selbst zu regieren, vollständig entsagt haben, imstande sein könnten, diejenigen auszuwählen, die sie regieren“, sagt eine der echten, also nur halberfundenen Reisebegleiterinnen der Protagonistin. Natürlich ist auch das ein Zitat. Es stammt Alexis de Tocqueville, einem der Urahnen der heutigen Politologie, der bereits 1926 die noch jungen Vereinigten Staaten bereiste – und in seinem Hauptwerk „Über die Demokratie in Amerika“ (1835/1840) und deren Bedrohungen nachdachte.

Beinahe jeder Satz in „Prawda“ öffnet solche Bedeutungsräume: Manchen Verweisen kommt man vergleichsweise schnell auf die Schliche, andere bleiben in ihrem (Über-)Mut rätselhaft – und bisweilen führt ein Verweis schlicht und ergreifend zum nächsten – und endet irgendwo im Nirgendwo. Gerade die Sackgassen, das ist eine der Wahrheiten, mit denen „Prawda“ aufwartet, können besonders lehrreich sein. Gerade wenn von den Vereinigten Staaten von Amerika die Rede ist. Denn mit schnödem Realismus war den USA schon 1935 nicht beizukommen.

Roman Felicitas Hoppe: Prawda. Ein­e amerikanische Reise. S. Fischer, 316 Seiten, 20,60 Euro.


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