Ästhetisch aufgeladene Denkvokabeln

Höchst sehenswerte Resteverwertung von Thomas Bayrle in der Innsbrucker Galerie Johann Widauer.

© galerie widauer

Innsbruck –Thomas Bayrle ist ein Star in der internationalen Kunstwelt. Um trotzdem immer wieder in der Galerie Widauer auszustellen. Diesmal „Reststücke“, die etwa von seinem Auftritt bei der documenta 2012 übrig geblieben sind. Die Autobahn als Metapher für die Komplexität unserer hochindustrialisierten und globalisierten Gesellschaft war damals sein Thema. Drei Module dieser monumentalen Installation hängen sich nun als „Denk- und Handlungsvokabeln“ (Bayrle) gegenüber. Isoliert zur Skulptur, deren inhaltliche Aufgeladenheit eindeutig von ihrer perfekten Ästhetik in den Schatten gestellt wird.

Denn obwohl hier Teile einer Unter- und Überführung auf ein an die Wand gemaltes Rechteck montiert sind, wird kaum ein Betrachter auf die Idee kommen, dass hier ein Künstler seine ambivalenten Gefühle der Motorisierung unserer Welt gegenüber formuliert hat. Gebaut sind diese Skulpturen wie kostbare Ins­trumente aus Holz. Sie sind im Gegensatz zu den tonnenschweren realen Über- und Unterführungen hohl und deshalb ganz leicht, was daran denken lässt, dass es dem Künstler vielleicht nicht nur um reale Autobahnen, sondern auch die im Digitalen gehen könnte.

Im zweiten Galerieraum hat Bayrle vier mit dem „Ave Maria“ bedruckte Autoreifen aufeinandergestapelt. Wie viele Gebete sich etwa bei einer Autofahrt von Innsbruck nach München da ausgehen würden, lässt sich leicht ausrechnen. Ob die Rechnung aufgeht, im nächsten Leben einen realen Mercedes zu besitzen, wenn man sich gemeinsam mit einem chinesischen Todesauto mit Stern verbrennen lässt, lässt sich dagegen nur spekulieren. (schlo)


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