Wahrheit ist ein komplexer Begriff

Das Theater im Container in Telfs präsentiert Daniel Kehlmanns Theaterstück „Heilig Abend“, in dem aus einem Polizeiverhör ein Psycho-Duell wird.

Lisa Hörtnagl (l.) und Helmuth A. Häusler brillieren im Zwei-Personen-Psycho-Duell „Heilig Abend“ von Daniel Kehlmann.
© Sabine Schletterer

Von Gerlinde Tamerl

Telfs –Hektisch betritt ein Mann den Raum, gefolgt von einer seriös gekleideten Frau, der das blanke Entsetzen ins Gesicht geschrieben steht. Rasch tippt er den Sicherheitscode ein, damit sich die Tür hinter ihnen sofort wieder verschließt.

Der Verlies-artige Raum ist nur spärlich eingerichtet, zu sehen sind lediglich zwei Stühle und ein Tisch. Schweigend starrt die Frau namens Judith den Mann hinter dem Schreibtisch – gespielt von Helmuth A. Häusler – an, der sie auffordert, Platz zu nehmen. Er eröffnet kein höfliches Gespräch, sondern bombardiert sie gleich mit unangenehmen Fragen. Nun wird klar: Das ist ein Polizeiverhör. Es ist halb elf Uhr abends am 24. Dezember und Judith, gespielt von Lisa Hörtnagl, steht unter Terrorverdacht.

Dieses Theaterstück des deutsch-österreichischen Schriftstellers Daniel Kehlmann mit dem Titel „Heilig Abend“, im Jahr 2017 uraufgeführt, feierte am Freitag im Theater im Container in Telfs seine Premiere.

Judith ist Professorin für Philosophie und als angesehene Akademikerin einigermaßen überrascht über die ruppige Einvernehmung. Entrüstet streift sie ihr teures Kleid glatt und zupft ihren Seidenschal zurecht.

Der aufgebrachte Mann namens Thomas – vermutlich ein Polizeibeamter in Zivil – stellt Judith Fragen, die weit ins Private reichen, etwa möchte er wissen, was Judith mit ihrem Ex-Mann am Abend getan hätte, ob es auch zum Geschlechtsverkehr gekommen sei. Judith verweigert zunächst empört die Aussage, fordert rechtlichen Beistand, doch am Heiligen Abend ist selbst ihr Top- anwalt nicht zu erreichen.

Die Philosophieprofessorin verstrickt sich immer tiefer in ein Psycho-Duell mit dem Ermittler. Er offenbart ihr, dass sie über lange Zeit beschattet wurde, man in ihrem PC ein terroristisches Bekennerschreiben fand. Judith – die Figur erinnert an vielen Stellen an die RAF-Gründerin Ulrike Meinhof – beteuert, sie hätte den Text lediglich für ein Seminar geschrieben, zur Veranschaulichung terroristischen Gedankenguts. Der Ermittler glaubt ihr nicht, ganz im Gegenteil, er ist davon überzeugt, dass Judith um Mitternacht gemeinsam mit ihrem Ex-Mann einen geplanten terroristischen Anschlag in die Tat umsetzen würde.

Judith scheint zunächst das Wissen des Ermittlers um die schmerzvollen Details aus ihrem Privatleben mehr aufzuwühlen, etwa dass ihr Ex-Mann Peter sie mit Studentinnen betrogen hatte, eine davon – im Gegensatz zu Judith – sogar schwanger geworden sei. Dies ist eine Schlüsselszene in zweifacher Hinsicht, erstens weil Judiths intellektuelle Fassade in dieser Szene Risse bekommt, eine tief verletzte Frau zeigt, die verzweifelt versucht, ihre Tränen, die ein Triumph für den Ermittler bedeuten würden, zu verbergen. Zweitens offenbart sich hier Lisa Hörtnagls schauspielerisches Einfühlungsvermögen. Ihr gelingt es, eine Frau zu zeigen, die selbst in einem emotionalen Ausnahmezustand ihre politischen Agenden nicht aus den Augen verliert und sich auch nicht davor scheut, die unverschämten Avancen des Ermittlers auszuschlagen.

Überzeugend spielt Helmuth A. Häusler den zu cholerischen Ausbrüchen neigenden Jihadisten-Jäger, der von krankhaftem Präzisionswahn angetrieben wird. Die beiden Schauspieler inszenieren ein beklemmend-brillantes Psycho-Duell, das nicht nur verstörende, sondern auch erkenntnisreiche Facetten von Machtverhältnissen offenlegt.

Unter der Regie von Irmgard Lübke präsentiert das Theater im Container eine starke Inszenierung – in einem bewusst beklemmenden Raum, dem es nach kurzer Zeit an Sauerstoff mangelt.


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