Zurück in die Zukunft

Mit „Ready Player One“ kehrt Steven Spielberg zum Popkornkino zurück – und entdeckt den Fanboy in sich.

Reale Kämpfe in einer digitalen Welt: Tye Sheridan, Olivia Cooke und Win Morisaki in "Ready Player One".
© Warner

Von Joachim Leitner

Innsbruck –In „Fanboys“ (2009) erzählte Regisseur Kyle Newman die im Grunde traurige Geschichte unverbesserlicher „Star Wars“-Verehrer, die Ende der 1990er-Jahre in George Lucas’ Skywalker-Ranch einbrechen, um „Die dunkle Bedrohung“, das damals noch unveröffentlichte erste Prequel der Sternenkrieger-Saga, zu stehlen, weil ein totkranker Freund die Filmpremiere nicht mehr erleben wird.

Die Vorlage zu der Komödie stammt von US-Autor Ernest Clive, der seine Verehrung für die Errungenschaften der Spiel- und Spaßkultur zwei Jahre später mit dem Roman „Ready Player One“ ins Exzessive ausgestaltete. „Ready Player One“ ist ein Buch der Listen. Clines erzählt nicht, er zählt auf: Videospiele, Musikgruppen, Kinofilme, TV-Serien, den ganzen Achtziger-Jahre-Kram, den jene, die damals jung waren – der Autor selbst ist Jahrgang 1972 – ins Herz geschlossen haben. Und der von der nachfolgenden Generation, um das Element der Ironie erweitert, mit enzyklo­pädischer Genauigkeit gesammelt und gefeiert wird.

Einer der so gar nicht heimlichen Helden des Romans war Steven Spielberg, der mit Filmen wie „E.T.“ und „Jäger des verlorenen Schatzes“ einst das Blockbusterkino der Gegenwart auf den Weg brachte.

Nun hat ausgerechnet Spielberg „Ready Player One“ verfilmt. In mehrfacher Hinsicht eine gute Wahl. Auch weil Spielberg, egal ob er nun seriöse Historienfilme oder cinematografische Achterbahnfahrten inszeniert, ein Meister des visuellen Erzählens ist. Das, wofür Ernest Clive Dutzende Seiten braucht, packt Spielberg in ein – zugegeben: ungemein wimmelndes – Wimmelbild: zahllose mehr oder weniger gewichtige Zitate aus dem Fundus der Pop- und Nerdkultur. Es gibt wohl keine Gürtelschnalle in „Ready Player One“, die nicht über sich hinaus verweist, auf Atari-Spiele, obskure Comics oder Teenie-Filme von John Hughes.

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Im Zentrum der Erzählung steht Wade Watts (Tye Sheridan), der sich wie so ziemlich alle anderen aus der tristen Gegenwart – wir schreiben das Jahr 2045 – in ein virtuelles Universum namens „Oasis“ flüchtet. Entwickelt wurde „Oasis“ von James Halliday (Mark Rylance), der sich eine posthume Pointe ausgedacht hat: Sein mit Popkultur-Referenzen ausgekleistertes Online-Imperium soll derjenige erben, der eine monumentale Schnitzeljagd für sich entscheidet: Drei Rätsel müssen geknackt und drei Schlüssel gefunden werden. Was in der realen Welt naturgemäß gewissenlose Gewinnmaximierer auf den Plan ruft. Es geht also nicht nur um virtuelle Coins – sondern, wie sollte es auch anders sein, um alles.

„Ready Player One“ folgt einer simplen Computerspiel-Logik: die Guten gegen die Bösen, die, denen es um die Sache geht, gegen die, die gestrenge Aufsichtsräte mit ausgeklügelten Vermarktungskonzepten zufriedenstellen sollen. Wirkliches Interesse für die Verfasstheit einer Welt, die alles Zwischenmenschliche ins Digitale auslagert – und sich von Drohnen Fastfood in die Container-Siedlung liefern lässt – bringt der Film jedoch nicht auf: Die Realität ist im Eimer, „Oasis“ ein in Nostalgie getunktes Versprechen. Dass Wade, der sich online „Parzival“ nennt, letztlich auch lernen muss, dass so viel Schwarz-Weiß wenig zielführend ist, liegt auf der Hand. Und dass die forsche Samantha (Olivia Cooke) daran nicht ganz unschuldig ist, auch.

Davor allerdings geht es bildgewaltig drunter und drüber: Explosionen, Schießereien, Tanz- und Flugeinlagen, das volle Programm. Als mitreißendes Spektakel funktioniert „Ready Player One“ selbst, wenn einem der Großteil der mit großer Geste zelebrierten Zitate nichts sagt. Das schönste übrigens ist eine besonders detailverliebte und verspielte Nachgestaltung eines Kinohorror-Meilensteins. Um welchen Film es sich handelt, soll hier nicht verraten werden. Nur so viel: Er zählt zu den erklärten Lieblingen von Steven Spielberg. Dieses in einen guten Film gepackte Meisterwerk erinnert auch daran, dass es bisweilen wunderschön sein kann, ein Fanboy zu sein.


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