Die Visionen der frommen Schäferin

Bruno Dumont lässt in „Jeannette – Die Kindheit der Jeanne d’Arc “ Johanna von Orléans singen und tanzen.

Lise Leplat Prudhomme als Schäferin Jeannette, aus der später die französische Nationalheldin Johanna von Orléans wurde.
© Stadtkino

Innsbruck –Viele nennen es Opportunismus, man mag aber auch an eine schlichte Überlebensstrategie denken, wenn sich die Zuneigung der Landbewohner am Kriegsverlauf und an der Ernährungsfrage orientiert. Das Herz der achtjährigen Jeannette (Lise Leplat Prudhomme) schlägt bereits für Frankreich, während sich ihre Freundin Hauviette (Lucile Gauthier) auch mit den Engländern anfreunden könnte, die mit ihrem Heer vor Orléans stehen.

Den englischen Soldaten eilt der Ruf militärischer Disziplin voraus, was jedoch, gibt die junge Schäferin zu bedenken, nicht unbedingt die Schonung der Besiegten bedeuten muss. Es sind eher Gerüchte über Schlachten und das Abschlachten der Menschen, die 1425 in Lothringen von Dorf zu Dorf getragen werden. Daher faltet Jeannette die Hände zum Gebet, um „den Krieg zu töten“.

Johanna von Orléans, Frankreichs Nationalheldin, die dem Front National als Schutzpatronin dient, hat einige Regisseure wie Carl Dreyer oder Robert Bresson zu Meisterwerken inspiriert. Otto Preminger entdeckte für seine Jeanne zwar Jean Seberg, inszenierte mit ihr dann allerdings ein Debakel.

Bruno Dumont, der sich in seinen Filmen („Ma Lout­e“) nicht um Konventionen schert, ließ sich für seine Jeanne ein Heavy-Metal-Musical einfallen, das zwar den frommen Texten des Dichters Charles Péguy (1873–1914) folgt, mit Igorrrs Musik aber auf Verstörung angelegt ist. Dazu peitscht Jeanne wie die Apocalyptica-Cellisten die Haare in Sand und Wasser, der heilige Michael spreizt Zeig­e- und Mittelfinger wie John Travolta in „Pulp Fiction“ zum Twist. Das sieht bisweilen etwas lächerlich aus, aber Jeanne muss ihren patriotischen Visionen folgen. (p. a.)

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