K.o. oder Schachmatt: Berlin ist die Welthauptstadt des Schachboxens

Berlin (APA/AFP) - Thomas Cazeneuve ist glücklich: Mit nacktem Oberkörper, Zahnschutz und wackligen Knien steht er im Ring des „Intellectual...

Berlin (APA/AFP) - Thomas Cazeneuve ist glücklich: Mit nacktem Oberkörper, Zahnschutz und wackligen Knien steht er im Ring des „Intellectual Fight Club“ in Berlin. Soeben hat der Franzose in sieben Runden Boxen und Schach seinen ukrainischen Herausforderer schachmatt gesetzt. Die skurrile Kombination aus Denk- und Kampfsport hat bereits 3.500 Mitglieder in elf Verbänden von Großbritannien über den Iran bis Indien.

Welthauptstadt des Schachboxens istBerlin, wo 2004 die World Chess Boxing Organisation gegründet wurde. „Das war mein härtester Kampf mit einem Rivalen, der ein absoluter Allrounder ist, ich war erschöpft, vor allem beim Boxen“, sagt der 24-jährige Cazeneuve, von Beruf Personalberater, nach seinem Sieg im Schachboxen. Die Regeln sind simpel: Drei Minuten Schach auf einem Brett im Ring wechseln sich ab mit drei Minuten Boxkampf - maximal gibt es sechs Schach- und fünf Boxrunden.

Der Gewinner muss entweder seinen Gegner im Ring k.o. schlagen oder auf dem Brett schachmatt setzen. Beide können disqualifiziert werden, wenn sie zu lange für einen Schachzug brauchen, oder wenn sie die Boxregeln verletzen.

Die Idee hatte Schachliebhaber Iepe Rubingh 2002 in einer Bar in Amsterdam, als eine Runde Schach mit einem Freund in einem Patt endete und er zur Entscheidung einen Boxkampf vorschlug. Inspiriert hat ihn der französische Comic „Äquatorkälte“ von Enki Bilal. „Zusammen sind die zwei Sportarten die Verschmelzung der schönsten Fähigkeiten des Menschen zur Schaffung eines höheren Wesens“, schwärmt der 43-jährige Niederländer. Comic-Autor Bilal findet es „ziemlich amüsant, dass eine potenziell absurde Idee Wirklichkeit wurde“.

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Während es anfangs eher als Kuriosität denn als echter Sport galt, hat das Schachboxen mittlerweile weltweit Anhänger, darunter Schachfans, die sich nun auch beim Boxen beweisen wollen. „Man muss in beiden Disziplinen gut sein, was ziemlich kompliziert sein kann“, sagt Rubingh. Die größte Schwierigkeit? Nach dem Boxen wieder klar denken zu können für den entscheidenden Schachzug. Tatsächlich werden „60 Prozent der siegreichen Züge auf den Schachbrettern gemacht und 40 Prozent beim Boxen“, betont Rubingh.

Die 29-jährige Deutsche Alina Rath ist seit 20 Jahren Mitglied in einem Schachclub und trainiert seit fünf Jahren Kampfsport. Seit August kombiniert sie beides: „Schachboxen bricht mit den Klischees vom harten Kerl, der nur den schwachen Intellektuellen verprügeln kann“, sagt die Buchhalterin. Sie selbst fühle sich „eher wie Kasparow als Tyson“, betont sie mit Verweis auf den ehemaligen russischen Schachweltmeister und den US-Schwergewichtsboxer.

Bei regelmäßigen Schaukämpfen treten Sportler aller Nationalitäten gegeneinander an. „Dieses Jahr ist es unser Ziel, eine professionelle Liga zu gründen, finanziert von Investoren und Partnern“, sagt Rubingh. Er setzt sich auch für die Aufnahme des Sports als olympische Disziplin bei den Spielen 2024 in Paris ein.

Und er hat eine weitere absurd anmutende Idee: „Ich würde gern gegen einen Roboter mit künstlicher Intelligenz kämpfen, der beim Schach viel stärker ist als wir, aber auch schwächer bei den Reflexen“, erklärt er. Als Veranstaltungsort für den Kampf Mensch gegen Maschine schwebt ihm der New Yorker Times Square vor.


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