Empörung über mutmaßlichen Chemiewaffenangriff in Syrien

Damaskus (APA/AFP/dpa) - Ein mutmaßlicher Chemiewaffenangriff auf die syrische Rebellenhochburg Duma (Douma) hat international helle Empörun...

Damaskus (APA/AFP/dpa) - Ein mutmaßlicher Chemiewaffenangriff auf die syrische Rebellenhochburg Duma (Douma) hat international helle Empörung ausgelöst. Nach Angaben syrischer Rettungskräfte wurden bei dem Angriff mit giftigem Chlorgas am Samstagabend zwischen 40 und 150 Menschen getötet und Hunderte weitere verletzt.

Die syrischen Hilfsorganisationen Weißhelme und Syrian American Medical Society berichteten in einer gemeinsamen Erklärung, nach dem Luftangriff am Samstagabend seien mehr als 500 Menschen mit Symptomen einer Chlorgasvergiftung in Behandlungszentren eingeliefert worden. Demnach starben sechs Opfer im Krankenhaus, Rettungshelfer bargen zudem 42 Leichen mit Anzeichen einer Chlorgasvergiftung aus Wohnhäusern.

Von den Weißhelmen veröffentlichte Videos zeigten am Boden liegende und sich krümmende Opfer mit gelblicher Haut und Schaum vor dem Mund. Andere Bilder zeigten, wie Mediziner reglosen Kindern Sauerstoffmasken aufs Gesicht drückten. „Es war entsetzlich. So viele Menschen rangen nach Luft“, berichtete Weißhelm-Rettungshelfer Firas al-Dumi der Nachrichtenagentur AFP aus Duma. „Die meisten starben sofort. Die Mehrheit waren Frauen und Kinder.“

Der Klinikarzt Mohammed sagte AFP am Telefon, allein in sein Krankenhaus seien mehr als 70 Menschen mit Atemnot eingeliefert worden. „Wir haben nur vier Beatmungsgeräte. Die Lage ist sehr, sehr tragisch. Ich arbeite seit vier Jahren hier, und so etwas wie in den vergangenen Stunden habe ich noch nie erlebt.“

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Die USA verurteilten den mutmaßlichen Chemiewaffeneinsatz. Die Regierung des syrischen Machthabers Bashar al-Assad sowie ihre Verbündeten müssten zur Verantwortung gezogen werden, erklärte das Außenministerium in Washington. US-Präsident Trump wies Russland und dem Iran eine Mitverantwortung zu, da sie das „Vieh“ Assad unterstützten.

Das britische Außenministerium forderte ein umgehende Untersuchung der Vorwürfe. Sollten sie sich als wahr erweisen, wären sie ein „weiterer Beweis für Assads Brutalität gegenüber unschuldigen Zivilisten und die kaltschnäuzige Missachtung internationaler Normen durch seine Unterstützer“, hieß es in London. UNO-Generalsekretär Antonio Guterres äußerte sich „zutiefst besorgt“ über die Berichte.

Papst Franziskus sagte bei einer Messe auf dem Petersplatz in Rom, nichts könne den Einsatz derartiger Waffen gegen wehrlose Menschen rechtfertigen. Auch die Türkei verurteilte den mutmaßlichen Chemiewaffenangriff und erklärte, es bestehe der „starke Verdacht“, dass die syrische Regierung dafür verantwortlich sei. Die Internationale Organisation für ein Chemiewaffenverbot (OPCW) müsse den Vorfall untersuchen.

Ein Vertreter der syrischen Regierung wies die Vorwürfe als „Farce“ zurück. Die Regierungsarmee habe es bei ihrem Vorstoß in der Rebellenenklave Ost-Ghouta „nicht nötig, irgendeine chemische Substanz einzusetzen“, sagte er laut der staatlichen Nachrichtenagentur Sana.

Das russische Militär wies die Vorwürfe ebenso zurück. Es handle sich um „fabrizierte Anschuldigungen“, sagte Generalmajor Juri Jewtuschenko der Agentur Interfax. Das russische Außenministerium bezeichnete die Vorwürfe als Provokationen, die lediglich für die Terroristen und die radikale Opposition von Vorteil seien, die nicht zu einer politischen Lösung bereit seien.

Der syrischen Regierung wurde bereits wiederholt der Einsatz von chemischen Waffen in dem seit 2011 andauernden Bürgerkrieg vorgeworfen. So machte die UNO Regierungstruppen für einen Angriff mit dem Giftgas Sarin im April 2017 verantwortlich, bei dem mehr als 80 Menschen getötet wurden.

Unterdessen einigte sich die syrische Regierung laut Berichten der Staatsmedien mit der Rebellengruppe Jaish al-Islam auf eine Evakuierung von Duma. Sämtliche verbliebenen Rebellenkämpfer sollten die vor den Toren von Damaskus gelegene Stadt binnen 48 Stunden verlassen, berichtete Sana am Sonntag. Dutzende Busse seien bereits in die Stadt gefahren, um die Kämpfer nach Jarablus in Nordsyrien zu bringen.

Duma ist das letzte Gebiet in der Region Ost-Ghouta, das bisher noch in der Hand der Aufständischen ist. Die Regierungsarmee hatte im Februar mit einer Offensive zur Eroberung Ost-Ghoutas begonnen und seither nach eigenen Angaben 95 Prozent der einstigen Rebellenenklave erobert.


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