Polizistin in Kopf geschossen: “Hatte schlechte Gedanken“

Mit Prügel in einer Münchner S-Bahn beginnt das Drama am Morgen des 13. Juni 2017. Kurz darauf bricht eine junge Polizistin zusammen – ein Randalierer hat ihr in den Kopf geschossen. Jetzt hat der Prozess gegen den mutmaßlichen Schützen begonnen.

(Symbolfoto)
© APA/dpa/Peter Kneffel

Von Wera Engelhardt, dpa

München – Der Angriff dauert 23 Sekunden. Der Mann stürzt auf den Polizisten zu, stößt ihn in Richtung der einfahrenden S-Bahn. Es kommt zu einem Gerangel, der Angreifer greift sich die Dienstwaffe des Polizisten – und richtet sie auf dessen junge Kollegin. Die Frau fällt zu Boden. Ein Zusammenschnitt aus Videoaufnahmen verschiedener Überwachungskameras dokumentiert die Geschehnisse am Morgen des 13. Juni 2017 am Münchner S-Bahnhof Unterföhring.

Dabei ist es am Dienstag sehr still in dem Gerichtssaal in der Münchner Justizvollzugsanstalt Stadelheim, wo am Dienstag der Prozess gegen den 38-jährigen mutmaßlichen Schützen begonnen hat. Ein als Zeuge geladener Polizeibeamter erläutert die gezeigten Szenen, einige davon werden wiederholt. Auf denVideos bricht die junge, aus Sachsen stammende Polizistin zusammen. Sie wird drei Mal am Kopf getroffen.

Staatsanwaltschaft geht von Schuldunfähigkeit aus

Der 38-Jährige ist seit der Tat in einer psychiatrischen Klinik untergebracht. Die Anklage wirft ihm gefährliche und schwere Körperverletzung und versuchten Mord vor. Die Staatsanwaltschaft geht von einer Schuldunfähigkeit zur Tatzeit aus und hat deshalb keine Anklage verfasst, sondern einen Antrag auf Durchführung eines Sicherungsverfahrens gestellt.

Zu den Anschuldigungen schweigt der Mann am Dienstag. Dafür schildert er einige persönliche Details, mal auf Englisch, meistens aber auf Deutsch mit starkem Akzent. Er wurde in Starnberg nahe München geboren, wuchs aber in den USA auf. Vor einigen Jahren habe er zwei Mal versucht, sich umzubringen, sagt der Vater einer Tochter.

Anfang Juni 2017 reiste er aus den USA nach München, um von dort aus Europa zu bereisen. Von München aus flog er nach Athen; am 12. Juni sollte es weiter nach Prag gehen. Doch der Mann bekam psychische Probleme. Er habe „sehr schlechte Gedanken“ gehabt, habe nicht klar denken können, schildert er. Also kaufte er sich stattdessen ein Ticket zurück nach München. Er habe Verwandte in Schwabhausen und Dachau, erklärt er. Auf dem Flug sei er paranoid gewesen, habe gefürchtet, mit dem Flugzeugessen vergiftet zu werden.

Polizistin liegt noch immer im Koma

Am Flughafen stieg er dann in die S-Bahn in Richtung Stadtzentrum, wie der Staatsanwalt ausführt. Dort eskalierte die Situation zum ersten Mal: Der 38-Jährige attackierte einen Passagier, schlug ihm mehrmals ins Gesicht. „Aus dem Nichts“ sei die Attacke gekommen, sagt das Opfer vor Gericht. Mitreisende trennten die beiden und alarmierten Polizei und Lokführer, der den Zug im Bahnhof Unterföhring stoppte.

Zu der Gruppe am Bahnsteig trafen schnell die junge Polizistin und ihr Kollege, um Zeugen zu vernehmen. Da ging der 38-Jährige laut Anklage erneut zumAngriff über. Es gelang ihm, sich die Dienstwaffe des Polizisten zu greifen, richtete sie zunächst gegen den flüchtenden Beamten und schoss mindestens fünf Mal. Ein Projektil prallte von der S-Bahn ab und verletzte einen Passanten.

Dessen Kollegin hatte zwischenzeitlich ihre eigene Waffe gezogen und zwei Mal auf den Angreifer geschossen. Der Mann feuerte auf die junge Frau und traf sie in den Kopf. Sie liegt bis heute im Koma.

Weitere sieben Verhandlungstage sind für den Prozess zunächst angesetzt, am Mittwoch wird er fortgesetzt. Es geht darum, inwieweit der Mann infolge seiner psychischen Erkrankung schuldunfähig und für die Allgemeinheit gefährlich ist – und dauerhaft in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht werden muss.


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