August Diehl: Spiel mit Rausch und Nüchternheit und

August Diehl schnuppert wieder Bühnenluft: nach Filmen wie „Inglourious Basterds“, „Nachtzug nach Lissabon“ oder „Der junge Karl Marx“ beehrt der fabelhafte Schauspieler erneut das Burgtheater.

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„Mit dem Spielen geht man ständig das Risiko ein, zu scheitern“, meint August Diehl, dessen neuer Film „Radegund“ heuer in die Kinos kommen soll. Ab Samstag ist er in Eugene O’Neills „Eines langes Tages Reise in die Nacht“ am Wiener Burgtheater zu sehen.Foto: APA/Schlager
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Wien — Am Samstag feiert Eugene O'Neills „Eines langen Tages Reise in die Nacht" in der Regie von Andrea Breth seine starbesetzte Premiere an der Burg. In die Rolle des Edmund schlüpft August Diehl. Er gilt seit seinem Debut in Hans-Christian Schmids Film „23. Nichts ist so wie es scheint" (1998) als einer der markantesten Darsteller des deutschen Sprachraums. Ein TT-Gespräch inmitten der Endproben-Anstrengung.

In den letzten Jahren ist es nahezu exklusiv Andrea Breth, unter deren Regie Sie am Theater arbeiten. Ist sie August Diehls Theater-Mutter?

August Diehl: (lacht) Nein. Es hat sich, wie fast alles in meinem Leben, einfach so ergeben. Es stimmt schon, das ist jetzt die fünfte Zusammenarbeit. Die Stücke, „Hamlet" oder John Hopkins' „Diese Geschichte von Ihnen", waren für mich jedoch vollkommen unterschiedlich. Ich habe manchmal sogar den Eindruck, als wären fünf unterschiedliche Regisseure am Werk gewesen, was sehr für Andrea Breth spricht. Grundsätzlich ist es so, dass man miteinander wächst, sich auch zunehmend nonverbal verständigt und versteht.

Sie sind in der Rolle des schwindsüchtigen Edmund zu sehen, des jüngeren Sohnes im fatalen Familienkonstrukt der Tyrones. Was fasziniert an der Figur?

Diehl: Edmund ist jemand, der in dieser Familie eine schwindende Rolle hat — Schwindsucht ist ja auch ein schönes Wort für die Tuberkulose — und der dadurch mit einem wachsenden Abstand diese Familie betrachtet. Die Figur birgt, auch jetzt in den Endproben, noch immer ein Geheimnis für mich. Von meinem Gefühl her ist Edmund nicht jemand, der in die Geschichte eingreift oder sie gestaltet, er ist auch nicht unbedingt ein Opfer, sondern einer, der immer mehr wegdriftet.

Rausch ist eine Konstante in O'Neills Stück. Ein Zustand, der kaum jemandem fremd ist. Brauchen die Menschen Rauschzustände?

Diehl: In jedem Fall. Das ist ein großes philosophisches Thema. Ich glaube, dass eine Gesellschaft ohne Rausch krank wird. Der Rausch wird gegenwärtig unter dem Zwang des Funktionierens und des ständig geforderten Wachstums, dem wir unterworfen sind, weggedacht. Genauso wie der Tod, der Bestandteil des Lebens ist. Ich glaube, dass Dinge wie Schlaf, Rausch, Müßiggang oder Spiel elementar wichtig sind. Alle Gesellschaften wussten das, weil es wahrscheinlich wirklich etwas ist, was der Mensch braucht, allerdings in Maßen. In einer zu kontrollierten Gesellschaft kann das Rauschhafte auch gefährlich stark werden.

Würden Sie Ihr Schauspielen auch als eine Form des Rausches bezeichnen?

Diehl: Oh ja, als Rausch gepaart mit Nüchternheit: Der Vorgang des Spielens hat für mich mit diesen beiden Gegensätzen zu tun.

„August ist ein Ausnahmetalent", sagte Regisseur Schmid („23. Nichts ist so wie es scheint") über Sie. Sie gelten als Schauspieler mit einer besonderen Aura. Wie lebt es sich damit?

Diehl: Keine Ahnung. Es sind zwei so wahnsinnig getrennte Welten: Das eine ist das Arbeiten und das Spielen, das andere ist die Wahrnehmung von außen. Das gilt auch für mich: Wenn ich mit Kollegen arbeite, vor denen ich große Ehrfurcht und Respekt habe und am Anfang sehr schüchtern bin, dauert es auf der Probe eigentlich keine zehn Minuten, bis man vergisst, wer einem da gegenübersteht.

Zur aktuellen #MeToo-Debatte: Ist das Theater als machistisches Monster?

Diehl: Ich glaube, dass jeder Kunstbereich ein relativ demokratiefreier Raum ist, wie immer man das jetzt bewerten will. Wenn man Film oder Theater macht, finde ich es sehr gut, wenn es einen Kopf gibt und wir Darsteller dessen Vision folgen. Bei einem Debattierklub kommt meistens nichts so richtig Gutes dabei heraus. Es ist leider so, in der Kunst gelten eher monarchische Strukturen.

Zum Film: In Terrence Malicks „Radegund", der in diesem Jahr noch in die Kinos kommen soll, spielen Sie Franz Jägerstätter. Wer ist dieser Jägerstätter für Sie?

Diehl: Ein Sturkopf, der beschließt, an einem bestimmten Punkt Nein zu sagen. Ich habe mich in dieser Zeit sehr viel mit der Bibel und dem christlichen Glauben beschäftigt und Jägerstätter ist überzeugt davon, dass es ein höheres Gewissen gibt. Das ist stark und mutig. Was das aber natürlich für diejenigen bedeutet, die mit ihm zusammenleben, ist noch einmal eine andere Sache und ein großer Konflikt.

Malick lässt seine Protagonisten trotz genauen Drehbuchs gerne vor der Kameras improvisieren. Wie ging es Ihnen mit dieser Anforderung?

Diehl: Malicks Art, Filme zu machen, ist ganz eigen. Ich habe so etwas noch nie erlebt und werde es wahrscheinlich auch nie wieder in der Form erleben. Es wird die ganze Zeit gedreht. Ich kann mich erinnern, dass ich irgendwann auf einer Wiese lag und schlief, und als ich aufwachte, war die Kamera vor mir. Bei der Feldarbeit, der Arbeit mit den Kühen, wenn man auf einer Bank sitzt, alles wird gefilmt. Deswegen bin ich auch so gespannt darauf, wie „Radegund" nun aussehen und wirken wird.

Das Gespräch führte Bernadette Lietzow


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