Blecha-Abschied aus Politik: Von Ruhestand kann keine Rede sein

Nach 70 Jahren verabschiedet sich Karl Blecha aus der Politik. Der umtriebige Wiener kehrt zurück zu seinen Wurzeln in die Meinungsforschung.

Karl „Charly“ Blecha feiert morgen seinen 85. Geburtstag und zieht sich aus dem Pensionistenverband und damit aus der aktiven Politik zurück.
© APA

Carmen Baumgartner-Pötz

Wien –Wenn sich heute Abend die Türen des Großen Festsaals im Wiener Rathaus für den Festakt anlässlich des 85. Geburtstags von Charly Blecha öffnen, dann hofft der energiegeladene Jubilar vor allem eines: dass die Festreden nicht zu lange dauern, wie er der Tiroler Tageszeitung augenzwinkernd verrät. „So viel Aufwand“ anlässlich seines halbrunden Geburtstags hätte von ihm aus nämlich nicht sein müssen.

Denn am morgigen Montag gibt er zwar beim (erstmals nur eintägigen) Verbandstag seinen Sitz als Vorsitzender des Pensionistenverbands an den ehemaligen Volksanwalt Peter Kostelka ab. Doch von Ruhestand im ursprünglichen Wortsinn kann bei Blecha keine Rede sein. „Ich beziehe bei IFES (Institut für Empirische Sozialforschung, Blecha ist Eigentümer, Anm.) mein Büro und werde meine Aktivitäten von hier aus weiterführen. Somit kehre ich an den Ort zurück, an dem ich vor gut 50 Jahren als junger Sozialforscher begonnen habe.“

„Nix tun“ ist keine Option für den junggebliebenen ehemaligen Spitzenpolitiker. „Ich gehöre wohl zu jenen Menschen, die einen fixen Platz ganz gut brauchen können“, meint er. Für seine nächste Lebensphase hat er sich vorgenommen, Lobbying für die Forschung zu machen, denn leider wüssten die meisten Österreicher nicht, wie wichtig Forschung für ein kleines Land wie Österreich ist. „Wir sind z. B. in der Weltraumforschung Spitzenklasse, aber das ist zu wenig bekannt“, sagt Blecha.

Selbst jahrzehntelang in der Meinungsforschung tätig, hat Blecha die aktuelle Diskussion um die Freigabe von gespeicherten Daten – Stichwort ELGA – genau mitverfolgt. „Man sollte die Tatsachen nicht verhüllen. Es herrscht vielerorts Angst vor dem gläsernen Menschen – gleichzeitig ist Datenauswertung für die Forschung extrem wichtig.“ Privat ist Blecha die Nutzung von ELGA-Daten „total wurscht“, er findet es aber gut, dass Bürger die Möglichkeit haben, sich davon abzumelden.

Geboren in der Zeit der 1. Republik hat Blecha viele Bundeskanzler miterlebt. Dass die SPÖ derzeit in der Opposition ist, schmerzt Blecha nicht per se – für ihn bedeutet Opposition allerdings, sich wieder auf die Regierung vorzubereiten und aufzuzeigen, wie man es besser machen könnte. „Nur zu sagen, das, was die in der Regierung machen, ist schlecht – das ist zu wenig. Man muss konkrete Lösungsvorschläge auf den Tisch legen.“ Die SPÖ mit Christian Kern an der Spitze befinde sich diesbezüglich noch in einem „Lernprozess“, was das Hineinfinden in die Oppositionsrolle betrifft. An der schwarz-blauen Bundesregierung kritisiert er, dass zwar im Wahlkampf große Veränderungen angekündigt wurden. „Doch wo das Neue ist, darauf gibt es bis jetzt noch keine Antwort“, sagt Blecha. Zu den größten Herausforderungen für die Sozialdemokratie von heute gehören seiner Meinung nach die Veränderungen in der Arbeitswelt und die weit klaffende Schere zwischen Arm und Reich.


Kommentieren


Schlagworte