Tiroler Nähfestival: Die tapferen Schneiderinnen
Kreativität ist in: Sich selbst oder seinen Lieben etwas Individuelles zum Anziehen zu nähen, ist ein beliebtes Hobby. Das erste Tiroler Nähfestival holt am Samstag viele Nähbegeisterte nach Landeck.
Von Evelin Stark
Innsbruck –Die Nähmaschinen rattern, das Bügeleisen zischt. Es türmen sich Garne und Stoffe in allen Farben und Mustern, auf die die hungrigen Stoffscheren mit ihren großen Mäulern bereits begierig warten. Im Hintergrund: Fachsimpelei und Austausch zwischen Nähbegeisterten und Profis. So oder so ähnlich kann man sich das Innenleben des Landecker Stadtsaals am kommenden Samstag vorstellen. Dort findet von 8.15 bis 19 Uhr das erste Nähevent Tirols unter dem klingenden Titel „Verzwirnt“ statt.
„Seit circa fünf Jahren spüren wir einen bedeutenden Anstieg im Verkauf“, sagt Karl-Heinz Heiss, Chef des Tiroler Nähmaschinenfachmarktes am Wiltener Platzl in Innsbruck. Die Leute nähen zum Ausgleich und um sich zu entspannen, weiß der Fachmann. Und es gebe eine Tendenz zur Qualität der Nähmaschine: „Wir haben im Geschäft Maschinen zwischen 299 und 11.000 Euro. Die Leute kaufen inzwischen gern gute Produkte.“
Diesen Trend zur häuslichen Kreativität spürt auch Julia Kircher, Inhaberin der Firma Stoffplanet in Vomp. Sie selbst habe so wie die meisten ihrer Kunden mit dem Nähen angefangen, um etwas für ihre Kinder zu machen: „Meine Tochter ist so schmal und ich konnte nirgends Kleidung finden, die ihr nicht zu weit war. So habe ich angefangen und meine Liebe zum Nähen entdeckt“, erzählt Kircher.
Bald darauf, im Jahr 2016, habe sie ihr erstes Stoffgeschäft in Schwaz eröffnet. „Die 50 m2 waren aber schnell zu klein, deshalb sind wir vor Kurzem in ein größeres Geschäftslokal in Vomp mit 150 m2 gezogen.“ Mit ihrer Spezialisierung auf Stoffe und Zubehör für Kinderkleidung sei ihre Kundschaft zum größten Teil Mütter.
Das Geschäft mit dem Nähen boomt also, und das nicht nur in Tirol. Das digitale Zeitalter fädelt sich nämlich seit wenigen Jahren auch durch die Welt der Freizeit-Näherinnenschaft und gibt anständig Stoff. Auch wenn Burda und Co. noch nicht ausgedient haben, drücken dennoch soziale Medien wie Pinterest, Youtube und verschiedenste Blogs anständig aufs Nähpedal. Die Berlinerin Ina Fischer ist mit pattydoo.de eine der lautesten Stimmen im Bereich des deutschsprachigen Nähwebs. Ihr Erfolgsrezept: „Von Anfang an haben wir Videos gedreht, in denen ein ganzes Nähprojekt Schritt für Schritt kostenlos auf Youtube gezeigt wird.“
5 Anfänger-Tipps
Nähmaschine. Die richtige Nähmaschine ist wie Nadel und Zwirn das Um und Auf des befriedigenden Näherlebnisses. Falls noch keine zuhause ist, empfiehlt es sich, sich vom Experten im Fachgeschäft beraten zu lassen. Billig ist, wie so oft, nicht gleich gut.
Klein anfangen. Nähanfänger sind gut beraten, wenn sie nicht gleich mit komplizierten Nähprojekten wie Kleidern oder Blusen beginnen, sondern erst einmal vielleicht ein kleines Kissen machen. Das Erfolgserlebnis motiviert!
Schere. Es gibt spezielle Stoffscheren, die beim Schneiden nicht die Stofflagen verschieben.
Vorbereitung. Mehrere Stofflagen werden vor dem Zusammennähen am besten mit Stecknadeln fixiert und quer zur Stoffkante gesteckt. Achtung: Nicht drübernähen!
Bügeln. Auch wenn Bügeln auf den ersten Blick ein zusätzlicher Aufwand ist, erleichtert es viele Arbeitsschritte beim Nähen. So lassen sich z. B. umgebügelte Stoffkanten besser nähen.
Mit über 170.000 Abonnenten kann man das Konzept getrost als erfolgreich bezeichnen. Der Clou dabei: Fischer bietet zu jedem ihrer Videos die passenden Schnittmuster als pdf-Dateien zum Kauf an. Die Zielgruppen sind dabei breit gefasst und reichen von Teenagern, die Täschlein nähen, über junge Mütter, die etwas für den Nachwuchs kreieren, und Großmütter, die ihre Enkel beschenken wollen. „Ab und zu sehe ich aber auch den ein oder anderen Mann, der das Nähen für sich entdeckt“, so die Bloggerin.
Auch für Janine Heschl aus Klosterneuburg (NÖ) war das Nähen eine Entdeckung. Die 39-Jährige ist so genannte „Nähmalerin“ – sie malt mit ihrer Nähmaschine Bilder; anders gesagt, sie näht Kunst. „Ich wollte etwas für mein Kind nähen, habe aber schnell gemerkt, dass mir Kleidung nähen nicht liegt“, sagt Heschl. Deshalb habe sie angefangen zu experimentieren. Inzwischen kann man auf ihrer Webseite textilewildlifeart.com die Tierporträts sehen, die sie auf etlichen Stoffschichten bereits „genähmalt“ hat. Erst ein ganz genauer Blick auf ihre Werke lässt erkennen, dass die Nase des Gorillas und das Fell des Eichhörnchens nicht fotografiert oder gemalt sind, sondern tatsächlich genäht.
Während ihre Bilder immer wieder auf internationalen Ausstellungen zu sehen sind, kann Heschl selbst am Samstag in Landeck angetroffen werden. Sie wird in zwei Workshops die Kunst des Nähmalens unterrichten. „Insgesamt kommen 60 Personen, die etwas beitragen“, sagt Nadine Schömig, eine der Organisatorinnen von „Verzwirnt“. Einige Workshops über den Tag verteilt und ganz viel gemeinsames Nähen seien das Schnittmuster für diesen Nähtreff der besonderen Art. Julia Kircher und Karl-Heinz Heiss sind auch mit dabei. Info: rosawolke.at/verzwirnt
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