Kriegsspiele in ATIB-Moschee wohl kein Einzelfall
Politologe Schmidinger hält es für möglich, dass nicht nur in Wiener Moscheen Propagandastücke aufgeführt werden.
Von Serdar Sahin
Wien — Der türkisch-islamische Verein ATIB steht wieder einmal massiv unter Druck. Anlass sind diesmal auf Facebook gefundene Bilder, auf denen Kinder in einer Wiener ATIB-Moschee Krieg in Tarnanzügen spielen. Mehrere Buben salutieren darauf vor der türkischen Flagge, sie spielen tote Soldaten und werden mit türkischen Fahnen zugedeckt. Offensichtlich wird die Schlacht von Gallipoli aus dem Jahr 1915 nachgestellt.
Der Verein wird nicht erst seit gestern kritisiert. Im Jänner ist im ATIB-Verein in Reutte für den Sieg der Türkei in Syrien gebetet worden — die TT berichtete. Mitte des Vorjahres hat der damalige Grüne Peter Pilz ATIB geheimdienstliche Tätigkeiten für die Türkei und illegale Finanzierung aus dem Ausland vorgeworfen. Auch in Deutschland soll sich in Moscheen der Ditib (deutsches Pendant zur ATIB) Ähnliches abgespielt haben.
Verfahren eingeleitet
Nun hat das im Bundeskanzleramt angesiedelte Kultusamt ein Verfahren gegen ATIB eingeleitet. Ermittelt werde wegen des Verdachts auf Verstoß gegen das Islamgesetz, sagt ÖVP-Kanzleramtsminister Gernot Blümel. Am Ende könne auch die Auflösung der Kultusgemeinde stehen.
ATIB gilt als verlängerter Arm der türkischen Religionsbehörde Diyanet und Erdogans AKP-Partei. „Da gibt es Anweisungen aus Ankara", sagt etwa der Politologe und Islam-Experte Thomas Schmidinger im Gespräch mit der Tiroler Tageszeitung. „Dieselben Direktiven, die an die Moscheen in der Türkei ausgegeben werden, werden eben auch an die Verbände des Diyanet in Europa ausgegeben — also an die ATIB."
"Kann Propaganda nicht einfach abdrehen"
Schmidinger hält es für möglich, dass nicht nur in Wiener ATIB-Moscheen türkische Propagandastücke mit Kindern aufgeführt werden. Ein Indiz, dass es sich um keinen Einzelfall handeln könnte, seien Bilder aus Deutschland, die ähnliche Kriegsspiele zeigten. Die ATIB sei eine zentralisierte Organisation, in der Dinge normalerweise parallel stattfänden.
Schmidinger bezweifelt, dass es rechtlich möglich wäre, den Verein aufzulösen. Das Problem sei auch nicht so leicht aus der Welt zu schaffen, wenn man die ATIB verbietet, „weil ein Einfluss der türkischen Regierung in Richtung Nationalismus, Militarismus weiterhin gegeben wäre". Man würde an den Einstellungen jener türkischstämmigen Mitbürger nichts ändern, die „Fans des türkischen Regimes" seien. „Die würden sich andere organisatorische Wege suchen."
Um dem entgegenzutreten, seien in Österreich kreativere Lösungen nötig, befindet Schmidinger. „Man müsste jene unterstützen, die demokratische, nicht-nationalistische Positionen vertreten." Er kann sich eine „Exil-Uni" für jene Akademiker vorstellen, die in der Türkei Berufsverbot haben. Auch davon betroffene Journalisten könnten einen demokratischen Gegenentwurf bieten, sagt der Politologe.
„Man wird die türkische Propaganda nicht einfach abdrehen können, indem man türkische Vereine verbietet. Man muss mit dieser Propaganda in einen Wettbewerb treten. Und Gegenpropaganda für Demokratie, Menschenrechte, für einen säkularen Staat und gegen Nationalismus machen."