TT-Interview

Leben mit Begeisterung: Einfach nur Kind sein

Die meisten Erwachsenen haben es verlernt: Kinder begeistern sich alle zwei bis drei Minuten für etwas
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Der Franzose André Stern ist sich sicher, dass Kinder die besseren Menschen sind. In einer Woche kommt er für einen Vortrag zum Thema Begeisterung nach Langkampfen.

In Ihrem Vortrag nächste Woche geht es um Begeisterung. Was ist das?

André Stern: Es ist eine treibende Kraft, die uns als Kind hat aufstehen und laufen lassen. Es ist der Grund, warum wir eine Sprache gelernt haben und der Zustand der Kindheit. Es ist der Zustand, der uns Flügel verleiht und uns Berge versetzen lässt.

Woher kommt die Begeisterung? Können nur Kinder sie empfinden?

Stern: Ich arbeite viel mit Gehirnforschern zusammen und die frohe Botschaft ist, dass die Wissenschaft inzwischen eine Erklärung für Begeisterung hat: Neuroplastische Botenstoffe werden ausgeschüttet und die wirken auf das Gehirn wie Dünger. Begeisterung ist uns also angeboren.

Wir sind es aber so gewöhnt, dass wir uns abmühen müssen, um etwas mit Fleiß und Mut zu erreichen. Auch wenn die Begeisterung da ist, ist sie oft verdeckt von all dem, was man hat müssen im Leben. Müssen und Begeisterung gehen leider nicht gut zusammen. Deshalb ist es für Kinder so leicht, sich zu begeistern.

Was begeistert Sie denn?

Zur Person

Der 47-jährige André Stern ist Komponist, Gitarrenbaumeister, Informatiker und Autor. Obwohl er nie eine Schule besucht hat, unterrichtet er Musik, spricht fünf Sprachen, hält international Vorträge und verwirklicht eigene Projekte wie die „Ökologie des Lernens“ und „Männer für morgen“. Er ist Vater von zwei Söhnen und lebt mit seiner Familie in Paris.

Vortrag: „Leben und Lernen mit Begeisterung“ mit André Stern; Freitag, 27. April 2018, 19.30 Uhr Kultursaal Langkampfen, Bürgerstraße 6, 6336 Unterlangkampfen

Infos: kontakt@feinkost-weninger.at.

Stern: Ich begeistere mich für die Kinder. Wir Erwachsenen sind ja nur ein Schatten von dem, was wir werden hätten können. Kinder können aber noch alles werden und lernen. Sie sind wie Riesen und wir sind wie die Bonsai-Version davon. Die Sicht über Kinder zu verändern, verändert auch unsere Meinung über uns selbst.

Sie sprechen von „wir“, dabei sind Sie doch eine Ausnahme, denn Sie wuchsen ganz frei und ohne Schulbildung auf ...

Stern: Es ist für mich schmerzlich, als Ausnahme dazustehen. Eigentlich war ich ein ganz banales Kind und eigentlich würde jedem Kind dasselbe passieren, wenn man ihm vertraut. Es ist nicht mein persönlicher Verdienst, dass meine Eltern mir vertraut haben. Aber man schiebt mich gern in die Ecke der Ausnahmen und dann muss man sich nicht mehr Gedanken darüber machen, etwas zu verändern.

Ihre beiden Söhne wachsen so auf wie Sie. Haben Sie sich bewusst dagegen entschieden, sie in die Schule zu schicken?

Stern: Wir schicken sie nicht in die Schule, aber wenn sie es wollen, können sie gern zu Schule gehen, so war es auch bei mir. Wir haben ja kein Dogma gegen ein anderes ersetzt. Wir gehen nämlich nicht von uns aus, sondern von den Kindern. Es kann also leicht sein, dass einer der beiden einmal sagt, dass er das möchte und dann kann er natürlich gern zur Schule gehen. Wir stellen uns nicht dagegen.

Sie haben gemeinsam mit dem deutschen Neurobiologen Gerald Hüther die Initiative „Männer für morgen“ gegründet. Was ist das?

Stern: Ich glaube, wir sind mit der Initiative leicht unserer Zeit voraus. Die Männer für morgen sind ja die heutigen Jungs. Kinder kennen Begriffe wie Sexismus und Genderismus gar nicht, aber sie sind so eingekerbt in unsere Kultur, dass wir gar nicht mehr sehen, wie viel Platz diese Begriffe bei uns Erwachsenen haben.

Unser Wunsch wäre das Verschwinden all dieser Begriffe. Die Kinder kennen keine Einteilung in Geschlechterrollen. Sie sind Kinder, Menschen – Alter, Größe, Geschlecht und so weiter spielen für sie keine Rolle. Wir sollten ihrem Beispiel folgen.

Heißt das, dass es möglich ist, die Geschlechterrollen auch bei den Erwachsenen loszuwerden?

Stern: Ja. Wenn Kindern nicht aufgedrückt wird, wie sie sich verhalten sollen und was sie denken sollen, gibt es kein Rollenverhalten. Und auch keinen Gruppenzwang, der ihnen vorschreibt, wie sie sein sollen und dass sie nicht sie selbst sein können.

Es ist erstaunlich, dass wir an dem Rollenverhalten festhalten, obwohl die Kinder uns die ganze Zeit zeigen, dass sie das nicht wollen. Sobald man ein Kind in diesen Belangen frei und vertrauensvoll so sein lässt, wie es sein will, dann verschwinden die Geschlechterrollen auch. Ich bin der lebende Beweis dafür und noch einmal eine Ausnahme, weil mir die schwere Last der Erwartungen anderer nie auferlegt wurde.

Das Interview führte Evelin Stark