„Humans of Innsbruck“: Im Netz der Menschlichkeit

Seit Februar fragen Nikolina Zunec und Bertram Schrettl fast täglich Menschen in Innsbruck, was sie gerade im Leben beschäftigt — und teilen deren Geschichten auf Facebook. Im TT-Gespräch berichten die beiden über die Anfänge und die erstaunlichen Auswirkungen ihres Projekts.

Nikolina Žunec und Bertram Schrettl ziehen mit Kamera und Diktiergerät ausgerüstet durch die Stadt und fragen die Menschen nach ihren Geschichten. Viele berichten erstaunlich offen über ihr Leben, wie die Facebook-Postings (ausgewählte im Text) zeigen.
© Michael Kristen/TT

Von Simon Hackspiel

Innsbruck — „Am Anfang war es nicht leicht — das Zugehen auf die Leute und das Ansprechen. Aber man gewöhnt sich daran", sagt Bertram Schrettl. Seine Partnerin Nikolina Zunec stimmt zu: „Menschen sind oft völlig anders, als sie auf den ersten Blick erscheinen. Es ist wunderbar, wie viele Vorurteile sich bei uns durch das Projekt auflösen." Die beiden Innsbrucker — die auch privat ein Paar sind — haben vergangenen Februar die Facebook-Seite „Humans of Innsbruck"als Kunstprojekt ins Leben gerufen. Wie beim prominenten Vorbild aus New York suchen Bertram und Nikolina mit Diktiergerät und Kamera ausgerüstet nach Menschen, die ihnen erzählen was sie gerade im Leben beschäftigt. Die Geschichten der Leute und je ein Porträtfoto stellen sie dann in das soziale Netzwerk. Namen oder andere persönliche Daten werden bei den Einträgen nicht genannt.

Wie in vielen anderen Städten weltweit kommt das „Humans"-Konzept auch in der Tiroler Netzgemeinde gut an, fast 5000 Nutzern „gefällt" das Projekt auf Facebook. Weil die Beiträge häufig geteilt und kommentiert werden entsteht eine hohe Reichweite — auch über die Landesgrenzen hinaus. Einprägsamstes Beispiel dafür ist für Bertram und Nikolina die Geschichte einer obdachlosen Frau, die sich vor Hilfs- und Jobangeboten kaum retten konnte. „Wir haben Leute zurückhalten müssen, die extra aus Ulm oder Augsburg herkommen wollten, um sie da raus zu holen", erinnert sich Bertram, der zuletzt als Zeitungsredakteur arbeitete. „Denen haben wir geschrieben, dass sie die Frau auch selbst fragen müssen." Die Obdachlose war völlig überfordert und bat um die Löschung des Beitrags.

Das bisher einzige Mal verschwand somit eine der Geschichten wieder, was letztlich auch eine Erleichterung für die Seitenbetreiber war. „Dass so etwas in der Form passiert, daran habe ich überhaupt nicht gedacht", meint Nikolina, die neben ihrer Arbeit in einer Sozialeinrichtung auch als Malerin künstlerisch aktiv ist. Es sei aber schön zu sehen, „wie groß die Hilfsbereitschaft in der Gesellschaft ist". Jedenfalls wolle man weiter vermitteln, aber nur wenn die Porträtierten die Weitergabe ihrer Kontaktdaten wünschen. Ihrer Verantwortung sind sich die Künstler voll und ganz bewusst. Aber sie wollen auch nicht, dass „Humans of Innsbruck" zu einem karitativen Projekt wird. „Wir müssen da eine Grenze ziehen, was manchmal nicht einfach ist", erklärt Bertram. „Für Sozialvereine wäre unsere Plattform natürlich eine Möglichkeit auf schwierige Schicksale aufmerksam zu machen."

Vorrang hat für die beiden ein möglichst bunter Mix aus Menschen auf ihrer Seite — egal ob diese in Innsbruck wohnen, arbeiten oder als Besucher durch die Straßen flanieren. In allen Stadtteilen sind sie auf der „Jagd" nach den Geschichten. Auf ihre ungewöhnliche Einstiegsfrage „Was beschäftigt dich gerade?" kommen höchst unterschiedliche Reaktionen. „Erstaunlicherweise reden sehr viele mit uns, wir haben mit mehr Absagen gerechnet", meint Nikolina. Manche würden mehr Zeit brauchen, andere frei von der Leber weg reden. „Von drei Minuten bis zu mehreren Stunden ist alles dabei."

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"Das aufrichtige Interesse ist entscheidend"

Erstaunlich sei auch, wie offen die Leute sind. „Sie erzählen intime Dinge. Eine Frau die gerade mit ihrem Freund Schluss gemacht hat, war den Tränen nahe", fährt Nikolina fort. „Am Ende bedankte sie sich bei uns, dass sie aussprechen durfte, was ihr auf dem Herzen lag." Bertram hat dafür einen Erklärungsansatz: „Was sie beschäftigt, werden viele Menschen nur selten gefragt. Das aufrichtige Interesse, das wir ihnen entgegenbringen, ist entscheidend." Ein einfaches „Wie geht's?" sei nicht dasselbe. Generell wolle man kein Frage-Antwort-Spiel, sondern wenn möglich ein Gespräch — einen Austausch mit den Menschen. „Die Leute geben uns schon sehr viel", sinniert Bertram. „Einen Einblick ins Privatleben, das Gesicht für ein Foto und zudem noch Zeit. Alles wertvolle Dinge, die eigentlich jeder zu schützen versucht in irgendeiner Weise."

Diese ganz persönlichen Geschichten und Schicksale sind wohl auch ein Grund dafür, dass bei „Humans of Innsbruck" fast nur positive Kommentare unter den Beiträgen abgegeben werden. Selbst gesellschaftliche Gruppen, die sonst auch Hassbotschaften im Netz ausgesetzt sind, werden mit Respekt behandelt. „Zwei junge Syrer haben total aufrichtig über ihre Flucht erzählt, sie haben mehr als 700 Likes und zahlreiche bestärkende Botschaften bekommen", nennt Nikolina ein Beispiel. Bertram bringt es auf eine philosophische Ebene: „Ich denke, es reicht eine kleine Anekdote aus, dass eine Person — ganz egal welche vorurteilsbehaftete Rolle ihr vorher zugeteilt wurde — in der öffentlichen Wahrnehmung zum Menschen wird. Das trifft auf Ausländer genauso zu wie auf Uni-Professoren oder jeden anderen."

Verknüpfender Einfluss auf die Gesellschaft

Es ist dieses ungewöhnliche „Menscheln" in der Wulst unpersönlicher Postings auf Facebook, das auch immer wieder zu konkreten Hilfsangeboten oder Aufmerksamkeiten führt. Wie bei den beiden Syrern, die vom Innsbrucker Mountainbikeverein zu einem Ausflug eingeladen wurden. Oder bei einem Mann im Rollstuhl, seiner Frau und deren zehnjährigem Sohn, die dank der zahlreichen Reaktionen auf ihre tragische Geschichte wieder eine Wohnung fanden. Das Projekt hat jedenfalls einen verknüpfenden Einfluss auf eine zunehmend separierte Gesellschaft und wirkt der Bildung von Stereotypen entgegen.

Obwohl ihr Projekt mit fünf bis sechs Stunden täglicher Arbeit deutlich zeitaufwändiger ist gedacht, wollen Nikolina und Bertram ihr hohes Geschichten-Pensum halten: „Wir haben als Kulturprojekt einen Förderantrag bei der Stadt gestellt. Längerfristig können wir im aktuellen Umfang nur weitermachen, wenn wir finanziell abgesichert sind." Neben Subventionen wäre auch ein spendenbasiertes Modell eine Möglichkeit. Insgesamt spielen monetäre Gedanken aber eine untergeordnete Rolle, es überwiegt das persönliche Interesse. „Die Geschichten vieler Leute hier in Innsbruck sind extrem spannend. Sie sind es wert gehört und gelesen zu werden."

Das Konzept „Humans of ...“

Das Konzept das Nikolina Žunec und Bertram Schrettl in Innsbruck umsetzen, ist nicht neu. Seit der Fotograf Brandon Stanton im Jahr 2010 das höchst erfolgreiche Projekt „Humans of New York“ ins Leben gerufen hat, haben Künstler auf allen Kontinenten seine Herangehensweise für Städte oder ganze Regionen übernommen. Auch für Wien, Graz und Salzburg gibt es Ableger jedoch dümpeln die Seiten – wie zum Teil auch andernorts – mittlerweile etwas vor sich hin. Auch weil „Humans of New York“ nach wie vor fast jeden Tag eine Geschichte online stellt, zählt die Seite auf Facebook bereits 18 Millionen Fans. Zehntausende gesellschaftliche Verknüpfungen und Hilfsangebote sind durch die Arbeit von Brandon Stanton schon zustande gekommen.


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