Vizeweltmeister Argentinien leidet und darf weitermachen
Messi und Co. sind im Achtelfinalschlager gegen Frankreich nur Außenseiter. Siegtorschütze Rojo tönte nach Schlusspfiff: „Das haben wir gebraucht. Jetzt beginnt die WM für uns!“
St. Petersburg - Nur vier Minuten haben Vize-Weltmeister Argentinien und Superstar Lionel Messi bei der Fußball-WM in Russland vom ersten Vorrunden-Aus seit 2002 getrennt. Doch ein Traumschuss von Marcos Rojo ersparte einer ganzen Nation die Tränen. Das 2:1 gegen Nigeria zeigte, dass der argentinische Patient lebt, aber weiterhin am Tropf hängt. Im Achtelfinale gegen Frankreich ist man am Samstag nur Außenseiter.
Keine Frage. Messi hatte großen Anteil am "Extraleben" seiner Argentinier. Ganz streng genommen aber waren es nur zwei Szenen, in denen Messi seine Genialität aufblitzen ließ. Die hatten es freilich in sich. In der 14. Minute erzielte das Aushängeschild des FC Barcelona sein erstes WM-Tor nach 660 erfolglosen Minuten, kurz vor der Pause traf er mit einem Freistoß die Stange. In der zweiten Hälfte war er hingegen kaum noch zu sehen. Umso größer war die Erleichterung des 31-Jährigen, dass die Kollegen das Spiel noch herumrissen. "Wir hätten nicht gedacht, dass wir so viel leiden müssen", sagte Messi nachher: "Es war eine schwierige Situation, es stand viel auf dem Spiel. Umso größer war die Erlösung."
Rauswurf von Sampaoli gestoppt
Die Situation war jener in der Qualifikation nicht unähnlich. Auch da musste man im Herbst 2017 bis zum Schluss zittern, eher der bis dahin enttäuschende Messi im entscheidenden letzten Spiel gegen Ecuador mit einem Triple auftrumpfte. Ein Ausscheiden gegen Nigeria hätte wohl den Rauswurf von Trainer Jorge Sampaoli und den Rücktritt des fünffachen Weltfußballers Messi aus dem Nationalteam zur Folge gehabt. Nun darf man weitermachen - zumindest bis zum Samstag, wenn man es als Außenseiter mit Frankreich aufnimmt.
Im Moment des Triumphs war das kommende Duell aber kein Thema. So jubelte Siegtorschütze Rojo höchst selbstbewusst: "Das haben wir gebraucht. Jetzt beginnt die WM für uns", sagte der Defensivspieler von Manchester United, der in der vergangenen Saison nach einer Kreuzbandverletzung kaum zum Zug kam. Klar ist, dass es gegen "Les Bleus" neben Messis Genieblitzen eine bisher nicht gezeigte kompakte Mannschaftsleistung brauchen wird. Denn auch gegen Nigeria war das Spiel der Südamerikaner nicht vom souveränen Selbstverständnis einer Fußballgroßmacht getragen.
Defensive verwundbar
Die Verteidigung zeigte sich neuerlich verwundbar, in jedem der drei Gruppenspiele kassierte man zumindest ein Gegentor. Das Elferfoul von Routinier Javier Mascherano war zudem höchst ungeschickt. So benötigte man am Dienstag auch kräftige Unterstützung von Fortuna. Hätte Schiedsrichter Cüneyt Cakir nach Videostudium und einem klaren Handspiel Rojos eine Viertelstunde vor Schluss beim Stand von 1:1 einen zweiten Elfer für Nigeria verhängt, wäre der Traum wohl geplatzt.
Nigeria musste gegen den wankenden Giganten wohl auch für seine Unerfahrenheit bezahlen. Während Argentiniens Startelf ein Durchschnittsalter von über 30 Jahren aufwies, betrug dieser Wert bei den "Super Eagles" nur rund 24. "Alles, was gefehlt hat, waren Erfahrung und Glück. Aber in vier Jahren werden wir sehr stark sein", versprach Trainer Gernot Rohr. Auch dann will der Deutsche mit am Bord sein. "Ich würde gerne mit diesem Team weitermachen, weil ich ein gutes Gefühl habe", erklärte er. "Die Mannschaft hat einen guten Cocktail aus Talent, Leidenschaft und Disziplin." (APA/dpa/Reuters)
Pressestimmen zum Achtelfinaleinzug Argentiniens
ARGENTINIEN:
"La Nacion": "Die weiße und wilde Nacht des glücklichen Messi. Messi hat bei der WM eine Nachricht hinterlassen: Seid vorsichtig, hier bin ich und jetzt ist alles möglich. Das Wichtige für die Auswahl ist in jedem Fall, dass Messi wieder Messi ist."
"La Capital": "Halte durch, argentinisches Herz, halte durch. Die Mannschaft von Sampaoli spielt besser gegen Nigeria als in den Partien vorher, aber sie leidet auch wieder. Die Erleichterung am Ende war nicht nur Erleichterung für die Mannschaft, sondern auch für die Fans in Russland und im ganzen Land."
"Ole": So wollen wir dich (feiern) sehen. Messi litt wie nie in der Nationalmannschaft. Niemand hat es mehr als Messi verdient, dass die WM heute nicht endet."
FRANKREICH:
"L'Equipe": "Aber ja, das ist er schon. Argentinien hat sein Schicksal erzwungen und Nigeria in einem schweren Spiel geschlagen. Nach dem Schock gegen Island (1:1) und der Demütigung durch Kroatien (0:3) ist die Albiceleste immer für ein Wunder gut."
"France Football": "Lionel Messi hat seine Weltmeisterschaft begonnen. Torschütze und Ausgangspunkt der meisten Aktionen der Argentinier, hat Lionel Messi eine bessere Leistung als in den beiden Spielen vorher gezeigt. Am Samstag fordert er im Achtelfinale Frankreich heraus."
"Le Monde": "Kritisiert für seine Apathie in den ersten beiden Spielen, hat Messi von Beginn an versucht, den Unterschied auszumachen. Die Argentinier konnten frohlocken, während Maradona auf der Tribüne die Fassung verlor und den gegnerischen Fans beide Stinkefinger zeigte."
SPANIEN:
"Marca": "Angefangen bei Messi, der diesmal bei der Nationalhymne nicht den Kopf gesenkt hat und angespornt von einem spektakulären Fan (Diego Maradona), der das Zenit-Stadion in eine Mini-Bombonera verwandelte, ging das argentinische Team raus, um Gras zu fressen."
"AS": "Extra-Leben für Messi. Diesmal sah Messi wie Messi aus. So ist Argentinien. Quälend, rätselhaft. Überlebend."
BRASILIEN:
"Lance": "Drama und unwahrscheinlicher Held: Argentinien im Achtelfinale. Ein Tor von Messi, ein Maradona im Delirium, ein Leiden und ein Held in der 40. Minute der zweiten Halbzeit."
GROßBRITANNIEN:
"Daily Mail": "Lionel Messi ist zurück bei Argentinien, aber wie Diego Maradona muss er zum Herzstück seiner WM-Mannschaft werden. Auch wenn das goldene Messi-Gefühl wiederentdeckt wurde - (...) - Weltmeister brauchen einen Leader, der das nicht nur gegen die Nummer 48 der Weltrangliste ist."
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