Salzburger Festspiele - Parizek inszeniert Grossman: „Weltliteratur“

Salzburg/Wien (APA) - „Kommt ein Pferd in die Bar...“ Ein typischer Witz-Beginn. Mit welcher Pointe er aufgelöst wird, erfährt man in David ...

Salzburg/Wien (APA) - „Kommt ein Pferd in die Bar...“ Ein typischer Witz-Beginn. Mit welcher Pointe er aufgelöst wird, erfährt man in David Grossmans gleichnamigem Roman nicht. Kein Verlust, meint Dusan David Parizek. „Ich hab mir den Witz zu Ende erzählen lassen. Er ist nicht wirklich witzig.“ Parizek hat das 2014 erschienene Buch dramatisiert. Festspiel-Premiere ist am 8. August im Salzburger republic.

Witze werden an diesem Abend (der ab 5. September am Akademietheater und später auch am Deutschen Theater Berlin zu sehen sein wird) einige gemacht werden. Schließlich ist die Hauptfigur Dovele Grinstein, gespielt von Samuel Finzi, Stand-Up-Comedian und die Vorstellung eigentlich seine Show in einem namenlosen israelischen Vorstadtlokal. „Wenn man das Buch genau liest, merkt man aber, dass sich Dovele viele dieser Späße abringen muss. Er möchte die Leute nicht mehr unterhalten. Er stellt sich komplett infrage, und es kostet ihn sehr viel, sich einfach so vor die Leute zu stellen. Er kann und will einfach nicht mehr. Damit spielen wir auch. Wir fahren Pointen komplett an die Wand“, sagt der Regisseur im Gespräch mit der APA.

Parizek, 1971 in Brünn geboren und im deutschsprachigen Theater ein viel gefragter Mann, ist Garant dafür, dass nichts so kommt, wie man es erwartet. In „Die lächerliche Finsternis“, seiner zum Berliner Theatertreffen eingeladenen Akademietheater-Inszenierung, konnte man vor vier Jahren nicht nur den Stern von Stefanie Reinsperger - heuer wieder die Buhlschaft am Domplatz, damals eine im breiten Dialekt auftretende Piratin mit Hochschul-Diplom - aufgehen sehen, sondern auch dem Ensemble dabei zuschauen, wie es in der Pause mit Höllenlärm die Bühnenbretter zersägte. Auch diesmal will der Regisseur doppelte Böden einziehen.

„Es ist die Geschichte einer gescheiterten Theatervorstellung. Deshalb fühle ich mich in der Verzweiflung der Hauptfigur bestens aufgehoben. Dov ist gebucht für einen Comedy-Abend, und als er konfrontiert wird mit einer Frau, die sich an ihn aus Kinder- und Jugendtagen erinnert (gespielt von Mavie Hörbiger, Anm.), ist er nicht mehr imstande, diese Show zu beenden. Er beginnt eine Lebensbeichte, mit der er das Publikum extrem irritiert. Wenn dann Sätze über das Gelingen oder Nicht-Gelingen von Theater formuliert werden, dann kann man das natürlich analog setzen mit der Situation eines sich hinterfragenden Schauspielers, eines Sängers, eines Autors. Es geht darum, Erwartungen nicht mehr entsprechen zu können - oder zu wollen. Auch deshalb handelt es sich um große Literatur.“

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Hart im Kontrast zur erwarteten Abend-Unterhaltung steht die persönliche Situation Doveles, der an diesem Tag seinen 57. Geburtstag feiert und mit einer ärztlichen Diagnose konfrontiert ist, die seinen Tod absehbar scheinen lässt. „Er möchte nun zum ersten Mal vom Dilemma seiner Existenz berichten, davon, wie er als kleiner Junge für seine Mutter gelebt und sich auf Händen gehend als Alleinunterhalter erfunden hat - um sie selbst, aber auch die übrige Gesellschaft von ihrem Leid abzulenken, von der Erinnerung an Verfolgung und Misshandlungen, aber auch von ihren Selbstvorwürfen, die Schoah überlebt zu haben.“

Breiten Raum in den Erinnerungen Doveles, die er mit seinen Zuschauern teilt, nimmt ein traumatischer Moment seiner Kindheit ein, als er auf einem Jugendcamp erfährt, dass ein Elternteil gestorben ist, und sich auf der langen Fahrt zum Begräbnis mit dieser ebenso schockierenden wie unvollständigen Information auseinandersetzen muss. „Er hat das Gefühl, dass er davon nie mehr loskommt, weil er Schuld auf sich geladen hat. Weil er sich ernsthaft die Frage gestellt hat: Wer ist mir wichtiger? Das erste Mal in seinem Leben redet er sich das nun von der Seele. Aus der Comedy-Vorstellung wird ein Dialog über intimste menschliche Bereiche, Erfahrungen und Schicksalsschläge.“

Darüber verfügt auch David Grossman in hohem Ausmaß. Parizek spricht voller Bewunderung und Respekt über den 64-jährigen israelischen Autor, der in Salzburg einen Tag vor der Premiere zu einer Lesung und einem Podiumsgespräch erwartet wird. „Was er schreibt, ist Weltliteratur. Er begleitet sein Land als Pazifist und kritischer Intellektueller mit großen Texten und hat es geschafft, den größtmöglichen Verlust, den ein Vater erleiden kann, den seines eigenen Kindes, in unglaublicher Weise zu verarbeiten, in einer direkten Sprache, poetisch, berührend, aber auch lakonisch, ohne verhärtet und bitter zu sein“, erinnert Parizek an die Tragödie, als Grossmans Sohn Uri 2006 als Soldat im Südlibanon getötet wurde, wenige Tage, nachdem sein Vater öffentlich die sofortige Einstellung der Kämpfe gefordert hatte.

Im April vor einem Jahr hat der Regisseur den Autor erstmals getroffen. „Er ist ein Mann, der ein riesiges Anliegen hat und ein unfassbares Talent, schwierigste politische Zusammenhänge zu vermitteln und das größte persönliche Leid mit einem umwerfenden Humor erträglicher zu machen. Deswegen ist diese Arbeit eine besondere Herausforderung und gleichzeitig eine verbindliche Aufgabe: Man möchte diesem Menschen gerecht werden.“

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - „Kommt ein Pferd in die Bar“ von David Grossman, Dramatisierung, Regie und Bühne: Dusan David Parizek, Kostüme: Kamila Polivkova. Mit: Samuel Finzi - Dov Grinstein, Mavie Hörbiger - Pitz. Deutschsprachige Erstaufführung. Koproduktion mit dem Burgtheater Wien und dem Deutschen Theater Berlin. republic. Premiere: 8. August, 19.30 Uhr. Weitere Aufführungen: 10., 12., 14., 15., 18., 21., 23. August. Karten: 0662 / 8045-500, www.salzburgerfestspiele.at)

(A V I S O – Die APA wird ab 20. Juli einen Live-Blog zu den Salzburger Festspielen unter http://go.apa.at/lI8v2KKn anbieten.)


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