„Trauer braucht einen Platz, das Herz darf nicht das Grab sein“

Im Umgang mit Kindern, die vor, während oder nach der Geburt sterben, hat sich viel gebessert. Seelsorger ist für Bestattungspflicht.

© Tiroler Tageszeitung / Thomas B?

Von Alexandra Plank

Innsbruck –Wenn ein Kind stirbt, stirbt ein Stück Zukunft. Diese Aussage kann Andrea S. (Name der Redaktion bekannt) nachvollziehen. Sie hat zwei Kinder, ist aber fünffache Mutter. Zweimal erlitt sie eine Fehlgeburt, ein Kind starb kurz nach der Niederkunft. Vor drei Jahren musste sie neuerlich auf einer Station der Gynäkologie an der Innsbrucker Klinik warten, dass ihr Kind abgeht. „Mir ist aufgefallen, dass es kaum Information gibt, was mit den sterblichen Über­resten passiert“, sagt sie.

Laut Statistik gab es in Tirol 2017 insgesamt 7787 Geburten, davon waren 7764 Lebend- und 23 Totgeburten, zusätzlich überlebten sechs Säuglinge den Tag der Geburt nicht. Klinisch erfasste Fehlgeburten gab es jährlich rund 300 bis 350 in Tirol. Obwohl der Verlust eines Kindes während der Schwangerschaft nicht selten ist, bleibt die Trauer ein Tab­u. „Ich wünsche mir, dass alle Kinder, egal welchen Schwangerschafts­stadiums, als Kinder behandelt werden, auch im Tod, denn das sind sie für ihre Eltern“, sagt Frau S.

Mit der Klinikseelsorg­e sei eine würdevolle Gedenkkultur erarbeitet worden. So gibt es die Möglichkeit, dass Fehlgeburten zweimal pro Jahr am Pradler Friedhof beerdigt werden. Laut den Tirol Kliniken besteht dies­e Möglichkeit auch in Schwaz, Hall und Kufstein, aber erst ab der 16. Woche. Im ersten Trimenon, hier passieren 10 bis 15 Prozent der Abgänge, kommt es zur Ausschabung.

Das Grab der Sternenkinder bietet den Eltern die Möglichkeit, einen Ort für den Abschied zu finden. „Trauer braucht einen Platz, das Herz darf nicht das Grab sein“, so Klinikseelsorger Tomy Mullur.

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Er gesteht ein, dass die Bestattung aller Fehlgeburten nicht erreicht werden konnte: „Die gesetzliche Regelung in Tirol ist unzureichend. Kinder unter 500 Gramm werden nicht als Menschen anerkannt.“ In Vorarlberg würden all­e abgestoßenen Fehlgeburten als tote Kinder gesehen und bestattet. Das sei außer in Tirol, Kärnten und Oberösterreich so. „Es ist nicht auszuschließen, dass Fehlgeburten als Abfall behandelt werden. Die 500-Gramm-Grenze muss fallen“, so Mullur.

Bestatterin Christine Pernlochner-Kügler, Ausbildnerin am AZW, erklärt, dass bei der Hebammen- und in der Säuglingspflege­ausbildung viel Wert auf dieses Thema gelegt werde. Dass für Kinder unter 500 Gramm keine Bestattungspflicht herrscht, sei auch positiv: „So haben die Eltern die Möglichkeit, die Fehlgeburten individuell zu bestatten.“ Mullur tritt auch für mehr Hilfe für die Betroffenen ein: „Viele Beziehungen scheitern daran. Kostenlose Psychotherapie wäre sinnvoll.“

Andrea S. wünscht sich dass den Eltern Trauer zugestanden wird: „Oft sagen Leute zu mir, du hast ja eh zwei gesunde Kinder, aber alle sind ein Teil von mir.“

Den Kindern einen Namen geben

Seit vielen Jahren ist Tomy Mullur Klinikseelsorger auf der Gynäkologie in Innsbruck. Wenn die Eltern es wünschen, bietet die Seelsorge bei Fehl- und Totgeburten auf der Station Möglichkeit zum Abschiednehmen an. Zweimal pro Jahr werden die Kinder am Pradler Friedhof im Rahmen einer interreligiösen Zeremonie im Grab der Sternenkinder beigesetzt.

Das Bewusstsein für das Sternenkindergrab sei seit 2004 gestiegen. Mittlerweile gebe es über zehn statt drei Gräber für diese Kinder in Tirol sowie acht Gedenkstätten. „Wir haben auch ein Namensgebungsritual eingeführt. Das kann man auch im Nachhinein machen", sagt Mullur. Eindrücklich hat er den Fall einer älteren Frau in Erinnerung, die knapp vor ihrem Tod dem Kind noch einen Namen geben konnte. Einmal im Jahr feiert der Bischof mit den Gläubigen zum weltweiten Gedenktag der verstorbenen Kinder ein­e Messe (2. Sonntag im Dezember). Im Haus der Begegnung gibt es jeden 1. Samstag im Monat (außer Schulferien) ein von Mullu­r begleitetes Elternforum. Betroffen­e können sich bei der Klinikseelsorge unter 0512/50422285 melden.


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