Bregenzer Festspiele - „Carmen“ als perfektes Spiel am See

Bregenz (APA) - Die schlechte Nachricht: Es wird heuer keine einzige „Carmen“-Vorstellung auf der Bregenzer Seebühne geben, bei der es nicht...

Bregenz (APA) - Die schlechte Nachricht: Es wird heuer keine einzige „Carmen“-Vorstellung auf der Bregenzer Seebühne geben, bei der es nicht regnet. Die gute Nachricht: Zumindest bei der gestrigen Wiederaufnahmepremiere regnete es nur auf der Bühne. In einer Szene schüttet es wie aus Kübeln. Ein Effekt, der bei der total verregneten Vorjahrespremiere buchstäblich ins Wasser fiel. Heuer war aber alles perfekt.

Man darf diese Inszenierung von Kasper Holten im kongenialen Bühnenbild von Es Devlin ohne weiteres die ideale Seebühnen-Produktion nennen. Sie bietet die richtige Mischung aus breitenwirksamem Spektakel und prägnanter Opernkunst. Sie hat hohe Schauwerte mit alledem, was sich am See vor dieser prächtiger Naturkulisse so anbietet - Feuer und Feuerwerk, waghalsig aussehende Kletterpartien über die Karten-Klippen, Schwimmen und Bootfahren. Und Ertrinken. Wenn am Ende Carmen von Don Jose nicht erstochen, sondern ertränkt wird, dann wünscht man der Darstellerin von Herzen, dass sie den in ihr Kleid eingearbeiteten Pressluftschlauch rechtzeitig in den Mund bekommt.

Holten gebietet auf der unzählige Spielebenen bietenden Bühne, die mit den zwischen zwei Frauenhänden scheinbar durch die Luft wirbelnden Spielkarten zu einem auf der ganzen Welt verbreiteten Fotomotiv geworden ist, über Dutzende von Sängern und Statisten - Soldaten und Fabriksarbeiterinnen, Stierkämpfer und Schmuggler. Und er schafft die Hauptaufgabe für jeden Seebühnen-Regisseur, nämlich die Protagonisten nicht wie Ameisen wirken zu lassen, durch geschickte Arrangements und gelegentlichen Einsatz von Videokameras.

Während anderswo einfach auf ein, zwei Leinwänden die Darsteller in Großaufnahme herangezoomt werden, sind hier die überdimensionalen, die Bühne beherrschenden Spielkarten für punktgenaue Projektionen genutzt, in denen die Handlung - etwa mit hübschen, nostalgischen Postkarten von Sevilla - nicht nur illustriert, sondern auch auf die Kartenwerte Königin und Bube fokussiert wird. Dann werden zentrale Szenen von Carmen und Don Jose auf die Spielkarten projiziert und noch greifbarer.

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Bei Gaelle Arquez und Daniel Johansson, schon im Vorjahr das Protagonistenpaar bei der Premiere, ist das obendrein eine Augen- wie Ohrenweide gleichermaßen. Prägnantes Spiel ergänzt sich bei ihnen mit fabelhaften stimmlichen Leistungen, die sich in dieser enormen Freiluftarena präzise ausgesteuert mit den Wiener Symphonikern unter Antonio Fogliani verbinden. Wie sich die Bregenzer Festspiele in den vergangenen Jahren im Umgang mit der Klangakustik des Außenraums verbessert haben, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. George Bizets Musik klingt keineswegs verwässert, und von der Feinabstimmung der Singstimmen mit dem Orchesterklang kann sich so manche Indoor-Opernaufführung etwas abschauen.

Neben der herausragenden Titeldarstellerin und ihrem zu Herzen gehenden Mörder können auch Kostas Smoriginas als prahlerischer Escamillo, gegen den sogar die stolze Carmen verloren ist, und Cristina Pasaroiu als wahrhaft liebende Micaela bestehen. Für die rundum gelungene Gesamtleistung gab es gestern Abend erstaunlich wenig Begeisterung von den Premierengästen. Etwas mehr Jubel wäre durchaus angebracht gewesen, denn so etwas wie diese „Carmen“ ist keineswegs selbstverständlich. 29 Mal hat man sie heuer angesetzt. Rund 95 Prozent der 210.000 Tickets sind bereits verkauft. 2019/20 kommt „Rigoletto“. Die Latte liegt hoch.

(S E R V I C E - Georges Bizet: „Carmen“, Regie: Kasper Holten, Bühne: Es Devlin, Video: Luke Halls, Kostüme: Anja Vang Kragh, Licht: Bruno Poet, Choreografie: Signe Fabricius. Musikalische Leitung der Wiener Symphoniker: Antonino Fogliani/Jordan de Souza. Mit Gaelle Arquez/Lena Belkina/Annalisa Stroppa - Carmen, Daniel Johansson/Martin Muehle/David Pomeroy - Don Jose, Andrew Foster-Williams/Kostas Smoriginas - Escamillo, Cristina Pasaroiu/Mojca Bitenc/Corinne Winters - Micaela, Leonie Renaud/Cornelie Isenbürger - Frasquita, Marion Lebegue/Judita Nagyova - Mercedes, Yasushi Hirano/Sebastien Soules - Zuniga, Rafael Fingerlos/Wolfgang Stefan Schwaiger - Morales, Istvan Horvath/Peter Marsh - Remendado, Adrian Clarke/Dariusz Perczak - Dancairo, Stefan Wallraven - Lillas Pastia. Bregenzer Festspiele, Seebühne. 28 weitere Aufführungen bis 20. August. https://bregenzerfestspiele.com)


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