Erich Hackls „Am Seil“: Ein Gerechter unter den Völkern

Wien (APA) - „Reinhold Duschka ist einer von 88 österreichischen ‚Gerechten unter den Völkern‘, ein in Israel eingeführter Ehrentitel für ni...

Wien (APA) - „Reinhold Duschka ist einer von 88 österreichischen ‚Gerechten unter den Völkern‘, ein in Israel eingeführter Ehrentitel für nichtjüdische Personen, die unter nationalsozialistischer Herrschaft ihr Leben dafür einsetzten, Juden vor der Ermordung zu retten.“ Das steht auf einer Gedenktafel, die 2013 in Wien-Mariahilf angebracht wurde. Nun hat ihm Erich Hackl ein literarisches Denkmal gesetzt.

„Am Seil“: Der Titel dieser in der kommenden Woche erscheinenden „Heldengeschichte“ klingt nach einem Kletterroman. Tatsächlich war der Wiener Reinhold Duschka (1900-1993) begeisterter Bergsteiger. Die Passion des Kunstschmieds kommt jedoch nur am Rand vor. Gemeinsam am Seil zu gehen erfordert aber Vertrauen und Zuverlässigkeit. Regina Steinig und ihre Tochter Lucia jedenfalls waren 1939 bis 1945 darauf angewiesen, dass das unsichtbare Seil, das sie mit dem Bergkameraden ihres Mannes bzw. Vaters verband, nicht riss. Unter welche Umständen der ruhige Kunsthandwerker die beiden Frauen zunächst in seiner Werkstatt, nach einem Bombentreffer in diversen Notunterkünften versteckte, ist Gegenstand von Hackls Bericht.

„Am Seil“ umfasst nur etwas mehr als 100 Seiten und verfolgt nicht das Ziel, eine abenteuerliche Überlebensgeschichte zu erzählen, sondern einen Fall bemerkenswert selbstverständlicher Mitmenschlichkeit unter lebensgefährlichen Bedingungen vor dem Vergessen zu bewahren. In jener nüchternen, doch dem menschlichen Tun zugewandten Sprache, die er in zahllosen historisch fundierten Berichten und Büchern meisterlich verfeinert hat, berichtet Hackl über die ihm von der erwachsenen Lucia geschilderten Ereignisse.

Betont zurückhaltend vermeidet er als Erzähler Ausschmückungen und Erfindungen, die den Boden der gesicherten Erkenntnis verlassen. Kaum hat er - etwa bei einer Kontrolle, an der die jüdische Identität der Frauen leicht auffliegen hätte können - einen forschen Dialog beschrieben, räumt er ein: Das Ganze hätte sich, freilich mit dem gleichen Resultat, auch ganz anders zutragen können. An anderer Stelle gesteht er, gerne mehr erzählen zu wollen, ausgerechnet an diesem Punkt lasse aber die Erinnerung seine Auskunftsperson im Stich. Doch aus dem, das er zur Verfügung hat, macht Hackl außerordentlich viel.

Eine Leerstelle bleibt freilich, und Hackl versucht auch gar nicht, sie mit Spekulationen zu füllen: Warum riskiert jemand für andere sein Leben? Keinerlei persönliche Vorteile oder gar Liebesbeziehungen zwischen dem Mann und seinen beiden Schützlingen sind belegt. Kaum war der Krieg vorbei, gingen Mutter und Tochter und ihr Retter getrennte Wege. Und das, was Hackl über Duschkas Nachkriegsleben zu berichten weiß, zeigt ihn keineswegs als Übermensch.

Was uns außergewöhnlich erscheint, ist vielleicht gar nicht so besonders, sondern dem Menschen eingeschrieben: die Fähigkeit zur Empathie und dazu, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden und dafür auch unter persönlicher Gefahr einzutreten. Außergewöhnlich ist vielleicht eher das Gegenteil: das Ignorieren der menschlichen Natur, an mehr als an seinen eigenen persönlichen Vorteil zu denken. Vielleicht ist gerade das die schlichte Botschaft dieses außergewöhnlichen Buches.

(S E R V I C E - Erich Hackl: „Am Seil“, Diogenes Verlag, 118 Seiten, 17,40 Euro)


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