Film und TV

Wenn sich fröhliche Paare feiern lassen

Ein Opern-Experiment auf mehreren Ebenen: Gabi Herz (als Gabi Herz, im Hintergrund), Elena Sancho Pereg (Eurilla), David Portillo (Pasquale) in „Orlando Paladino“ an der Bayerischen Staatsoper.
© Wilfried Hösl

Low-Budget-Filmemacher Axel Ranisch inszeniert Joseph Haydns „Orlando Paladino“ bei den Münchner Opernfestspielen.

Von Jörn Florian Fuchs

München –Du meine Güte, was für ein Chaos! Da rast Ritter Roland furios und verrückt durch die Gegend. Er jagt die hübsche Angelica. Die will aber Medoro und er sie auch. Wenn außerdem der ungestüme, etwas schwer zu verortende Rodomonte auftaucht, das quicklebendige, gleichzeitig chaotische Pärchen Eurilla und Pasquale eigentlich nur Zeit für sich will, wenn dann auch noch, ach, lassen wir das! Die ganze Sache ist einfach sehr kompliziert und schwer inszenierbar. Genau solche Stücke gibt der Münchner Staatsopernintendant Nikolaus Bachler besonders gern Quereinsteigern, was bisweilen gern mal so richtig schiefgeht. Axel Ranisch, der sich mit Low-Budget-Filmen wie „Ich fühl mich Disco“ und einem kontrovers diskutierten Impro-„Tatort“ einen Namen gemacht hat, hat zwar Musiktheatererfahrung, aber solch ein Brocken, noch dazu bei den sommerlichen Luxusfestspielen, kann das klappen? Um es kurz zu machen, eher ja.

Axel Ranisch verlegt das Liebes- und Intrigenwirrwarr in ein Programmkino, die Betreiber zeigen dort täglich einen Stummfilm, irgendwann brennt der Projektor und die handelnden Figuren rutschen von der Leinwand ins sehr Reale, das heißt, in den Kinosaal. Später dreht Ranisch alles noch weiter, da irrt etwa der Filmvorführer dann in einem neuen Film umher, hernach begegnen sich alltägliche Figuren und überkandidelte Edelleute im Kino.

So geht es immer weiter und dennoch gelingt Ranisch am Ende das Kunststück, alles sinnvoll und durchaus sinnlich zusammenzubinden: Fröhliche Paare lassen sich vom Publikum im Prinzregententheater feiern, ein paar hartnäckige Buhrufer gibt es auch, sie können die Partystimmung nicht wirklich trüben. Gegen Ende des ersten Akts, vor der Pause, hing die Aufführung allerdings ziemlich durch. Irgendwie klebten die Figuren an der Rampe, es entstanden kaum poetische Momente, selbst das von Ivor Bolton aus dem Geiste ruppiger, historischer Aufführungspraxis dirigierte Münchener Kammerorchester tönte öfters matt und topfig. All dies hatte vermutlich mit einem Vorfall zu tun, der sich im Zuschauerraum abspielte, eine Dame erlitt offenbar einen epileptischen Anfall und weigerte sich, den Saal zu verlassen. Es gab ein ständiges Hin- und Herlaufen von Einlasspersonal und Theaterarzt, schließlich wurde die Vorstellung unterbrochen und es dauerte ziemlich lange, bis alle wieder ins Stück fanden – Akteure wie Zuschauer.

Die Herausforderung bei „Orlando Paladino“ ist nicht nur das Entwirren der diversen Handlungsfäden, sondern vor allem das Gestalten von sehr unterschiedlichen Stimmungen, die oftmals direkt aufeinanderfolgen und manchmal sogar parallel verlaufen. Die Hauptfiguren bleiben bei Ranisch überwiegend im Konventionellen stecken, dafür sind die kleineren Partien durch die Bank szenisch aufgewertet. Brillant etwa die Begegnung des grotesk schwerstverletzten Pasquale – seine ganze Rüstung steckt voller feindlicher Waffen – mit Eurilla, die ihn sanft vom störenden Metall befreit. David Portillo und Elena Sancho Pereg spielen und singen das ganz wunderbar.

Eine Wucht ist Tara Erraught­ als Zauberin Alcina, ja, die gibt es hier auch noch. Adela Zaharia singt die umschwärmte Angelica mit sauberem Timbre, Mathias Vidal bleibt ein vokal eher sanftmütiger Orlando. Den Filmvorführer spielt Heiko Pinkowski, man kennt ihn aus vielen Ranisch-Filmen, ist fast den ganzen Abend im Einsatz und man sieht ihm gerne zu. Während der Premiere ging anscheinend unmittelbar über dem Prinzregententheater ein heftiges Gewitter nieder. Beim Verlassen des Hauses sah man überall Zweige herumliegen und riesige Pfützen. Ranisch und der mit allen finanziellen Mitteln ausgestatteten Staatsoper wäre es zuzutrauen, auch das inszeniert zu haben, als Pendant zu den Seelenstürmen der Protagonisten.