ImPulsTanz - Manege frei: Marie Chouinard blickt zurück

Wien (APA) - Sie sind Fabelwesen und Sonderlinge, machen seltsame Geräusche und noch seltsamere Bewegungen, sie tragen lieber Schminke oder ...

Wien (APA) - Sie sind Fabelwesen und Sonderlinge, machen seltsame Geräusche und noch seltsamere Bewegungen, sie tragen lieber Schminke oder Schmuck als Oberbekleidung, sie kennen keine Scham, aber viele gute Tricks, sie sind aus ihrer Heimat des Balletts verbannt und ihrer Bestimmung der Akrobatik doch fern, sie sind Körper und Abstraktion von Körper zugleich: Die Geschöpfe von Marie Chouinard.

Bei ImPulsTanz im Volkstheater zeigt die kanadische Choreografin derzeit eine Retrospektive: „Radical Vitality. Solos and Duets“, eine Revue der kleinen choreografischen Form, Manege frei für die Kreationen, vor allem aber: die Kreaturen aus einer 40 Jahre währenden Laufbahn. Marie Chouinard gilt seit etwa 1980 als eine der wichtigsten Stimmen im zeitgenössischen Tanz - die Kanadierin provozierte, stets aber augenzwinkernd, sie nutzte Nacktheit und Erotik frech und frei als ästhetischen Kategorien, sie erfand einen unverwechselbaren Bewegungscode, der immer sinnlich, meistens witzig und manchmal erschreckend ist. Dem menschlichen Körper und seinen Ausdrucksmöglichkeiten geht sie durch kleine Perspektivwechsel auf den Grund - sie entmenschlicht, durch Kostüme, die animalisch, außerirdisch, oder schlichtweg irrsinnig daherkommen - und rückt in dieser Entmenschlichung doch dem Kreatürlichen ganz nah auf den Leib.

Bei der Tanzbiennale Venedig, deren Leiterin Chouinard ist, feierte „Solos and Duets“ erst vor vier Wochen seine Weltpremiere. Einige der präsentierten Auszüge - 30 an der Zahl, mit einer Dauer zwischen 35 Sekunden und 12 Minuten - waren bei ImPulsTanz freilich schon im Kontext ihres ursprünglichen Stücks zu sehen: „Les Trous du ciel“ beispielsweise, „The Golden Mean“ oder „Orpheus and Eurydice“, um einige der jüngeren Werke zu nennen, aber auch „Space, Time and Beyond“ im Jahr 1988 oder die „24 Preludes by Chopin“ 1999. Chouinard zählt zu den Stammgästen des Festivals, mit ihren leicht zugänglichen, vergnüglichen Arbeiten auch zu den Publikumslieblingen und doch bestätigt diese konzentrierte Rückschau einen Eindruck, dessen man sich als regelmäßiger Festivalgast schon länger nicht so ganz erwehren konnte: Marie Chouinard ist sich treu und mit ihrem Schaffen in einem äußerst homogenen formalen Universum daheimgeblieben.

Der in zwei Akte unterteilte Abend hätte eigentlich auf je zwei Termine aufgeteilt werden sollen - und wurde dann doch zusammengelegt. Inklusive Prolog und Epilog vor dem Theater - Besucher durften den Tänzern Clementine Schindler und Sebastien Cossette-Masse ihre Wünsche ins Ohr flüstern und alle anderen aufgrund von deren tänzerischer Reaktion spekulieren, worum es sich gehandelt haben könnte - ergibt das einen ganz schön langen Abend, der auf seine Redundanzen ein bisschen zu deutlich hinweist. Durch die kurzen und sehr kurzen Stücke sorgt die fantastische Truppe - neben den beiden schon genannten auch Compagnie-Veteranin Carol Prieur, dazu Catherine Dagenais-Savard, Sacha Ouellette-Deguire, Scott McCabe, Morgane Le Tiec, Motrya Kozbur, Valeria Galluccio und Luigi Luna - zwar für serielle Kurzweiligkeit, irgendwann macht sich die fehlende inhaltliche wie formale Weiterentwicklung allerdings in Form von Erschöpfung bemerkbar.

Am Anfang wird ein Solo gezeigt, bei dem die Tänzerin nach Leertrinken eines Wasserglases in einen Kübel pinkelt. Am Ende haben sich alle nackt gemacht und Babymasken auf. Beide Arbeiten - zwischen ihnen liegen 30 Jahre - entzücken durch ihren reduzierten, fröhlichen Impuls der Irritation. Allein: Nach fast drei Stunden ist die fröhliche Irritationsfähigkeit beim Zuschauer schon etwas eingeschränkt.

(S E R V I C E - Compagnie Marie Chouinard: „Radical Vitality. Solos and Duets“, weitere Termine am 26. und 28. Juni, 21 Uhr. Wiener Volkstheater. www.impulstanz.at)


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