ImPulsTanz - Dorothee Munyaneza: „Frauen werden überall misshandelt“

Wien (APA) - Auf dem rechten Arm hat Dorothee Munyaneza mehrere waagrechte Striche tätowiert. Sie zeugen von Frauen, die sie inspirierten, e...

Wien (APA) - Auf dem rechten Arm hat Dorothee Munyaneza mehrere waagrechte Striche tätowiert. Sie zeugen von Frauen, die sie inspirierten, erzählt die ruandische Performerin, von ihrer Großmutter, Mutter und Schwester. Auch in ihrem Stück „Unwanted“, das sie heute, Mittwoch, beim Wiener ImPulsTanz-Festival präsentiert, liefert Munyaneza Zeugnis von Frauen, deren Geschichten sie tief berührten.

In „Unwanted“ behandelt Munyaneza die physischen, mentalen und kollektive Auswirkungen der systematischen Vergewaltigungen während des Genozids in Ruanda. 1994 Jahren begannen in dem ostafrikanischen Staat Angehörige der Volksgruppe der Hutu Mitglieder der ethnischen Gruppe der Tutsi zu vernichten. Zusammen mit der amerikanischen Sängerin Holland Andrews und dem französischen Komponisten Alain Mahe, hat Munyaneza Geschichten von Frauen gesammelt, die sie am Mittwoch, Donnerstag und Freitag ins Wiener Odeon bringt.

Im APA-Interview erzählt die Künstlerin, warum Kunst für sie der richtige Weg ist, die Erlebnisse zu verarbeiten, von den Auswirkungen des Genozids auf Ruanda und weshalb sich auch Zuschauer in Europa für das Stück interessieren sollten.

APA: Was sind die Intentionen Ihres aktuellen Stückes „Unwanted“?

Munyaneza: Der Inhalt sind Zeugnisse von Frauen, die 1994 während des Genozids in Ruanda vergewaltigt wurden. Meine Intention war, zu zeigen, wie der weibliche Körper während Kriegszeiten verletzt wird. Dass er Schlachtfeld für Männer ist, die ein Gebiet erobern wollen. Das Stück beschäftigt sich mit dem Verbrechen der Vergewaltigung, das heute beispielsweise in Syrien passiert. Es geht aber auch um Muttersein, Kindheit und Würde. Wie ist man Mutter für ein Kind, das gewaltvoll gezeugt wurde? Wie definiert sich ein Mensch, der ein Nachkomme von Gewalt und Unrecht ist?

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APA: Für „Unwanted“ interviewten Sie ruandische Frauen, die vergewaltigt wurden. Sie sind selbst Mutter von zwei Kindern. Wie hat das Ihre Arbeit beeinflusst? Was für einen Einfluss hatten die Gespräche auf Ihr Verständnis von Muttersein?

Munyaneza: Dass ich selbst eine Mutter bin, ermöglichte mir den Dialog. Ich wurde im Vertrauenskreis der Frauen akzeptiert, sie öffneten sich mir. Und auch, dass ich während des Genozids der Tutsi in Ruanda war, schaffte ein Verständnis. Als Mutter von Wunschkindern kann ich nie verstehen, wie es ist, ein Kind zu haben, das man nicht wollte. Ich kann mich ihrem Schmerz durch Kunst nur annähern. Ich wollte wissen, wie es anfühlte, als in ihnen etwas heranwuchs, von dem sie glaubten, es sei nicht menschlich, weil es durch Gewalt entstanden war. Manche waren nicht fähig, ihre Kinder zu lieben, andere schon. Sie haben es nur geschafft, weil sie sich selbst akzeptiert haben. Wenn du verletzt wirst, dann ist es schwierig, Liebe zu entwickeln. Durch Therapie und durch das Teilen ihrer Erfahrungen mit anderen Frauen haben sie Mut gefasst.

APA: Wann haben Sie entschieden, Ihre Erlebnisse und die der Frauen mittels Kunst zu verarbeiten?

Munyaneza: Meine Eltern waren nicht überrascht. Anscheinend habe ich schon als Kind Leute unterhalten, tanzend, singend, Geschichten erzählend. Kurz bevor wir nach England zogen - und hier will ich betonen, dass wir sowieso umgezogen wären, weil meine Mutter dort arbeitete - ist der Genozid passiert. Dadurch haben wir den Kontakt zu ihr verloren. Aber sie hat uns gefunden, wir sind also umgezogen, nicht geflohen. In London fragte unsere Mutter jeden Tag, was wir erlebt haben. Ich war zwölf Jahre alt und sie half mir, das Trauma zu verarbeiten, darüber zu schreiben und reden. Als ich Musik studierte, habe ich realisiert, dass meine Stimme ein Werkzeug ist, um Zeugnis abzulegen. Ich entwickelte eine künstlerische Sprache, zuerst als Musikerin, dann als Choreografin.

APA: Ruanda wurde nach dem Genozid zu großen Teilen von Frauen wieder aufgebaut. Wie ist Ihr Stück vor dem Hintergrund positioniert?

Munyaneza: Es gab damals mehr Frauen als Männer und sie haben viel getan, um das soziale und politische Gefüge wieder aufzubauen. Viele ruandische Frauen leben in ländlichen Gebieten, oft allein und in Armut. Aber sie sind entschlossen, es ohne Männer zu schaffen. Sie können sich nicht unterwerfen, nicht sie, die von männlichen Figuren so verletzt wurden. Aber „Unwanted“ handelt nicht nur von ruandischen Frauen, sondern von allen Frauen, die Raum okkupieren. Wir Frauen tun das schon lange, aber erst jetzt werden wir gehört. Wir müssen fokussiert sein, keine Angst haben, das Patriarchat zu zerstören, dann ist das Kollektiv der Frauen - ob Köchin oder Schriftstellerin - das Wasser für unsere Wurzeln und wir können unsere Äste ausstrecken.

APA: Wie reagieren Sie, wenn jemand meint, Ihr Stück handle von Afrika und betreffe Europäer nicht?

Munyaneza: Manche Menschen sagen, es ist ein ruandisches Problem. Sie glauben, es ist zu weit weg von ihrem täglichen Leben. Aber was dort passiert ist, kann überall passieren. Frauen werden überall misshandelt. Während meiner Vorbereitung hab ich über viele Kriege gelesen, über Jugoslawien oder Syrien, wo Frauenkörper als Schlachtfeld benutzt wurden und wie die Frauen danach mit den Kindern von den Soldaten umgingen. Es ist ein universelles Problem der Menschheit. Ich lasse das ruandische Frauen für das große Ganze sprechen.

APA: Wie wird Ihre Arbeit in Ruanda aufgenommen?

Munyaneza: Das Thema ist immer noch ein Tabu, aber über das dunkle Kapitel der ruandischen Geschichte zu sprechen, hilft Frauen, die immer noch mit den Folgen leben - durch Krankheiten oder durch ihre Kinder. Kunst kann das sensible Thema ansprechen, daher will ich „Unwanted“ dort aufführen- für die Frauen, die ich getroffen habe und ihre Kinder.

APA: Wie beeinflussen diese Kinder, die durch Gewalt entstanden sind, Ruanda?

Munyaneza: Ich traf viele von ihnen, als sie sich eine Woche in einer Schule versammelten um ihre Erlebnisse zu teilen. Ich habe sie gefragt, ob sie sich akzeptiert haben. Manche haben bejaht, andere haben gefragt: „Wie kann ich mich akzeptieren, wenn ich weiß, wie ich entstanden bin, wenn ich weiß, was mein Vater meiner Mutter angetan hat“? Sie haben keine Wurzeln, sie wissen nicht, wer ihr Vater ist, die Mutterseite ist oft ausgelöscht. Viele wurden misshandelt, von der Mutter, von Nachbarn oder Familienmitgliedern. Sie sind mit Hass und Gewalt aufgewachsen. Wir müssen ihnen Werkzeuge geben, um mit dem Frust und den Depressionen umzugehen. Ich frage mich oft, wie das geht.

APA: Haben Sie eine Antwort gefunden?

Munyaneza: Ich glaube, man muss ihnen zeigen, dass sie nicht weniger wert sind als du und ich. Wir müssen mit und über sie sprechen. Um auf Syrien zurück zu kommen - was passiert mit den Kindern, die in den Gefängniszellen unter Bashar Al-Assad entstanden sind? Wir müssen ein System finden, um ihnen Hoffnung zu geben und einen Weg aus der Gewalt zeigen, durch die sie entstanden sind. Gewalt wird vererbt. Wir müssen den Teufelskreis durchbrechen.

APA: Sie sind in Ruanda aufgewachsen und leben, seit Sie ein Teenager sind, in Europa. Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Herkunft manchmal Ihre Arbeit als Künstlerin überdeckt? Dass Sie in die Schublade „afrikanische Kunst“ gesteckt werden, ohne auf die Individualität Ihrer Werke einzugehen?

Munyaneza: Persönlich habe ich nie erlebt, dass meine Identität gegen mich verwendet wurde. Ich kämpfe gegen das Schubladendenken. Ich kann meine Herkunft nicht bestreiten und bin stolz, aber ich sehe mich auch als Kind der Welt. Ich bin in England aufgewachsen, lebe in Frankreich, jetzt bin ich in Wien. Es ist wahr, dass meine Arbeit manchmal als ruandisch klassifiziert wird, als etwas, das nur Ruanda betrifft, aber das tut sie nicht. Sie handelt von unserer Welt, von unserer Gesellschaft als Ganzes. Ich kann nichts dagegen tun, wenn jemand mich in Schubladen steckt, sondern ich kann nur als Künstlerin so offen wie möglich sein.

(Das Gespräch führte Nadine Zeiler/APA)

ZUR PERSON: Die Choreografin, Performerin und Sängerin Dorothee Munyaneza wurde am 25. Juli 1982 in Deutschland geboren und ist in Ruanda aufgewachsen. Im Jahr 1994, mit zwölf Jahren, zog Munyaneza mit ihrer Familie nach London. Während dieser Monate wurden knapp eine Million Angehörige der Tutsi Volksgruppe systematisch durch die Gruppe der Hutu vernichtet. „Unwanted“ ist nach „Samedi Detente“ das zweite Stück, in dem Munyaneza die Geschehnisse des Genozids thematisiert. Sie lebt mit ihren zwei Kindern und ihrem Mann in Marseille, Frankreich.

( S E R V I C E - „Unwanted“ von Dorothee Munyaneza. Vorstellungen am 25., 26. und 27. Juli, Odeon. www.impulstanz.com)


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