Die Kraft der Sprachlosigkeit

Heute feiert „Die wilde Frau“ von Felix Mitterer Premiere im Rahmen der Telfer Volksschauspiele. Ein Gespräch über die Aktualität dieses Theaterstücks.

Der Südtiroler Schauspieler Peter Mitterrutzner verkörpert in Mitterers Stück „Die wilde Frau“ einen alten Holzfäller, die Tirolerin Lisa Hörtnagl eine stumme Frau.
© TT/Thomas Böhm

Telfs – Felix Mitterer erzählt in „Die wilde Frau“ von fünf Holzfällern, die auf einer abgelegenen Berghütte ein hartes Leben führen. An einem Winterabend tritt eine schöne, aber stumme Frau in ihre Stube. Die Männer nehmen sie neugierig bei sich auf, doch rasch bricht ein unerbittlicher Kampf um diese geheimnisvolle Frau aus. Die TT hat im Vorfeld mit den Schauspielern, Lisa Hörtnagl und Peter Mitterrutzner, gesprochen.

Das Stück „Die wilde Frau“ von Felix Mitterer feiert heute Premiere. Wie sind die Proben verlaufen?

Peter Mitterrutzner: Optimal. Die Begegnung mit den Schauspielkollegen war fantastisch. Es fühlt sich gerade so an, als hätte Felix Mitterer genau diese Schauspieler im Kopf gehabt, als er das Stück schrieb.

Lisa Hörtnagl: Ich habe mich intensiv mit den saligen Frauen beschäftigt. Diese weiblichen mythologischen Gestalten entstammen der Sagenwelt der Alpenregion. Anfangs dachte ich, dass die stumme Rolle eine besondere Herausforderung sei, weil der intuitive Drang da ist, sich sprachlich zu äußern. Die Vorzüge dieser stummen Rolle sind jedoch, dass man sich auf ganz andere Dinge fokussieren kann. Jeder Blick, jede Geste ist gesetzt. Die Herausforderung besteht darin, diese Spannung aufrecht zu halten. In unserer Inszenierung rückt diese stumme Frauenfigur sehr in den Vordergrund. Damit entsteht trotz Sprachlosigkeit eine starke Präsenz.

Diese stumme Frau erfährt extreme körperliche und verbale Gewalt. Wie verkraftet man das als Schauspielerin?

Hörtnagl: Es ist hart. Vor allem die verbalen Angriffe wirken intensiv nach.

Herr Mitterrutzner, Sie haben schon vor zwanzig Jahren die gleiche Rolle gespielt, den ältesten der fünf Holzfäller. Was hat sich verändert?

Mitterrutzner: Durch den zeitlichen Abstand betritt man wieder schauspielerisches Neuland. Man sieht das Stück aus einem völlig anderen Blickwinkel. Das hat mit dem persönlichen Reifungsprozess zu tun. Regisseur Klaus Rohrmoser ist es gelungen, das Stück in die Gegenwart zu holen. Ich bin davon überzeugt, dass dieser Stoff den Leuten unter die Haut gehen wird. Die Inszenierung, in der ich damals mitgespielt habe, war kitschiger. Das aktuelle Stück hingegen lässt dem Zuschauer bedeutend mehr Interpretationsspielraum. Es ist vielleicht an manchen Stellen nicht so märchenhaft, sondern schonungsloser, aber damit auch ehrlicher, menschlicher und tiefgründiger.

Wie hat sich die Rolle dieser stummen, schönen Frau aus Ihrer Sicht verändert?

Mitterrutzner: Wir männlichen Schauspieler nehmen heute diese Frauenrolle einfach ganz anders wahr. Die Zeit und die Zuschauer haben sich schlicht geändert. Die Frau verharrt nicht in der Opferrolle, sie agiert machtbewusster.

Die Rolle des alten Holzfällers hat trotz aller Tragik humorvolle Züge.

Mitterrutzner: Tragische Komik ist sehr typisch für Mitterer. In all seinen Stücken steckt schwarzer Humor, etwa in „Sibirien“, das tief tragisch ist, und trotzdem lachen die Leute ständig. Zunächst ist es ein befreiendes Lachen, später wird es beklemmender.

Die Urversion der „Wilden Frau“ entstand schon 1977. Das Theaterstück besitzt noch heute eine erschreckende Aktualität.

Mitterrutzner: Bei Mitterer steht der Mensch im Vordergrund. Er legt seelische Vorgänge frei. Die Verrohung des Menschen ist das zentrale Thema dieses Stücks. Damit ist es aktueller als je zuvor.

Hörtnagl: Das Stück ist vor allem facettenreich. Es behandelt nicht nur das Verhältnis von Mann und Frau. Es beschäftigt sich auch mit Fremdheit, mit dem Überschreiten von Grenzen, mit den Auswirkungen von verbaler und physischer Gewalt und schließlich auch mit dem Verlust von Sprache.

Das Gespräch führte Gerlinde Tamerl


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